Pionierin der Medizin: Gabriele Possanner und ihr unermüdlicher Weg zur Gleichstellung
Sie musste ihr Studium zweimal absolvieren. Sie trotzte Vorurteilen, bürokratischen Hürden und brach das männliche Monopol auf Hochschulbildung: Gabriele Maria Possanner von Ehrental schrieb als erste praktizierende Ärztin Österreichs Geschichte. Ihr Erbe inspiriert, fasziniert und verpflichtet uns bis heute.
Eine Frau setzt sich durch – gegen eine Wand aus Vorurteilen
Ende des 19. Jahrhunderts war der Zugang zu Universitäten für Frauen in Österreich nicht möglich. Aus Angst vor Konkurrenz und dem Verlust von Privilegien versuchten Gegner des Frauenstudiums mit pseudo-wissenschaftlichen Argumenten Frauen als geistig ungeeignet für ein Studium darzustellen und sie auf die Rolle als Frau und Mutter zu beschränken: Der Wiener Chirurg Theodor Billroth erklärte 1877 etwa: „Die Natur hat die Frau zur Mutter bestimmt; sie wird immer am meisten leisten in ihrem Berufe als Frau und Mutter.“
Doch Gabriele Possanner ließ sich nicht aufhalten. Geboren 1860 in Ofen (Budapest), erkämpfte sie sich nach der Lehrerinnenbildung über eine Externistenmatura den Weg an die Universität Zürich, wo sie 1894 das Medizinstudium erfolgreich abschloss.
Zwei Promotionen für einen historischen Durchbruch
Um in ihrer Heimat praktizieren zu dürfen, begann für Possanner ein zweieinhalbjähriger Hürdenlauf durch die Institutionen. Die unermüdliche Gabriele Possanner gab nicht auf und beschäftigte mit ihren Bittschreiben Ministerien, Fakultäten und sogar Kaiser Franz Joseph. Daraufhin ließ sie das Innenministerium zur Anerkennung („Nostrifizierung“) ihres Schweizer Diploms zu, aber die Bedingung war hart: Sie musste im Gegensatz zu männlichen Ärzten sämtliche Prüfungen (Rigorosen) in Wien noch einmal ablegen.
Am 2. April 1897 war es so weit: Gabriele Possanner promovierte an der Universität Wien – als erste Frau an einer österreichischen Hochschule. Der damalige Rektor feierte sie in seiner Rede als „muthige siegreiche Vorkämpferin um die Erweiterung der Frauenrechte“. Nur wenige Wochen später, am 10. Mai 1897, eröffnete sie ihre Praxis im 9. Wiener Gemeindebezirk.
Vorbild und Auftrag für die Zukunft
Possanners Weg verdeutlicht zwei wesentliche Aspekte: Neben ihrem außergewöhnlichen Willen verdankte sie ihre Pionierinnenrolle auch den finanziellen Möglichkeiten ihres bürgerlich-adeligen Elternhauses sowie der Rückendeckung durch Initiativen wie den Verein für erweiterte Frauenbildung.
Bis zu ihrem Tod im Jahr 1940 blieb Gabriele Possanner ihrem Lebensmotto treu: „Ich habe viel helfen können und helfen ist doch das Schönste!“
Das Bundesministerium für Frauen, Wissenschaft und Forschung ehrt diese außergewöhnliche Frau mit dem Gabriele Possanner-Preis. Die Auszeichnung wird alle zwei Jahre für herausragende Leistungen in der Geschlechterforschung verliehen. Sie steht als Zeichen dafür, den offenen Hochschulzugang für alle als Errungenschaft und Ansporn zu sehen, die eigenen Begabungen bestmöglich zu verwirklichen.
Meilensteine zum Werdegang von Gabriele Possanner
1887-1894: Matura & Studium in Zürich – Sie besteht die Matura als Externe in Wien und absolviert das Medizinstudium in Zürich samt Promotion.
1897: Historische Promotion in Wien – Sie legt alle Rigorosen in Wien erneut ab und wird die erste promovierte Ärztin Österreichs.
1904: Meilenstein Ärztekammer – Sie erkämpft über den Verwaltungsgerichtshof das Wahlrecht bei Ärztekammerwahlen und zieht als erstes weibliches Ersatzmitglied ein.
1928: Titel Medizinalrat – Sie erhält als erste Frau Österreichs vom Wiener Magistrat den Ehrentitel für ihre Verdienste um die Standesgenossinnen.
1997: Namenspatronin des Possanner-Preises – Anlässlich des 100. Jahrestags ihrer Promotion wird der Gabriele Possanner-Preis für wissenschaftliche Leistungen in der Geschlechterforschung ins Leben gerufen.