Wie wir Studierende auf die ungewisse Zukunft vorbereiten können
Wie gehen Menschen mit Unsicherheiten, Bedrohungen und Veränderungen um, und was brauchen sie, um dabei handlungsfähig zu bleiben? Und wie macht uns das als Individuen, aber auch als Gesellschaft resilienter? Daran forscht Eva Jonas mit ihrem Team im Fachbereich Psychologie der Universität Salzburg. Aus dieser Frage ist eine ganze Vielzahl an Forschungsprojekten gewachsen. Zwei davon sind für die Hochschulstrategie 2040 besonders interessant: Sie beschäftigen sich mit Future Skills und mit Resilienz, also der Frage, wie es gelingt, sich an schwierige Situationen anzupassen und daran zu wachsen.
„Wir beschäftigen uns zum einen damit, Veränderungen zu begleiten, und zum anderen mit dem Umgang mit Bedrohungen und kollektiven Krisen“, sagt Eva Jonas. Die Professorin für Sozialpsychologie ist Co-Leiterin der Arbeitsgruppe Freudvoll & Aktiv (PDF, 622 KB). Ihr Forschungsfeld beschreibt sie in ihrem Steckbrief auf der Webseite der Universität Salzburg so: „Wenn sich Menschen bedroht fühlen, werden bestimmte kognitive, motivationale und neuronale Prozesse ausgelöst.“ Sie bestimmen, wie Menschen ihre Umwelt deuten und wie sie miteinander umgehen. Eines ihrer Forschungsprojekte trägt den Titel, der diese Arbeit gut zusammenfasst: „From anxiety to approach“, von der Angst zur Annäherung.
Wie gut Menschen eine Bedrohung bewältigen, beschreibt die Psychologie heute mit dem Begriff Resilienz, und dessen Verständnis hat sich gewandelt. „Resilienz wurde früher als Persönlichkeitseigenschaft gesehen und dann als Fähigkeit, die ich zwar trainieren kann, die aber immer noch eine Fähigkeit ist“, sagt Jonas. „Heute wird Resilienz eher als Ergebnis eines dynamischen Prozesses der Anpassung gesehen. Ich bin resilient, wenn mir die Anpassung an eine Widrigkeit gelingt.“ Ob das gelingt, hängt von Ressourcen ab, und die liegen nicht nur in der Person selbst, sondern auch in ihrem Umfeld und in den Strukturen, in denen sie lebt und studiert. Man könne dennoch lernen, diese Ressourcen zu kennen, sie zu nutzen und auszubauen, etwa indem man neue Kontakte knüpft. Deshalb gehört Resilienz für Jonas’ Team zu den Future Skills. Und deshalb können Hochschulen viel dafür tun, dass ihre Studierenden resilient werden: indem sie Verbundenheit ermöglichen.
Für Studierende ist die Zukunft dabei eine besondere Herausforderung. „Die Zukunft ist nichts, was wir auf Grundlage unserer Erfahrung denken können. Sie ist das noch nicht Gedachte und noch nicht Erlebte“, sagt Jonas. Wie schwer das fällt, hat ihr Team in einer Studie gemessen: Wer an die kollektiven Zukünfte denkt, an eine unbeständige, unsichere, komplexe und mehrdeutige Welt, reagiert mit mehr Angst, mehr Kontrollverlust und weniger Motivation, überhaupt über die Zukunft nachzudenken. „Diese Ohnmacht, diese Hilflosigkeit, diese Lustlosigkeit, die ich bei der Auseinandersetzung mit schwierigen Themen teilweise beobachte, halte ich für extrem gefährlich“, sagt Jonas.
Das Gegenmittel hat in der Psychologie einen Namen: Annäherungsmotivation, also die Lust, sich auf etwas einzulassen, statt es zu vermeiden. „Wenn ich die Beschäftigung mit einem Thema als belohnend erlebe, ist das der beste Katalysator für positive Aktivierung“, sagt Jonas. „Deshalb fand ich es genial, die Arbeitsgruppe ‚Freudvoll und aktiv‘ zu nennen. Das trifft für mich genau den Kern.“
Die Forschungsgruppe von Eva Jonas geht diesen Fragen an der Universität Salzburg nach.
Was Studierende können sollen. Leoni Brand, Dissertantin von Jonas, hat für die Arbeitsgruppe das Multi Layer Model of Future Skills ausgearbeitet: 14 Kompetenzen vom eigenen Selbst bis zur Welt als großes Ganzes. Sie erklärt, warum Wissen allein nicht reicht und warum vieles, was Lehrende denken ohnehin zu tun, ausgesprochen werden muss. → Zum Beitrag über Future Skills[AP1]
Was Studierende trägt. Brands Kollegin, die Dissertantin Anna Schreiner, erforscht, wie Hochschulen zur Resilienz ihrer Studierenden beitragen können, am Beispiel des Mentorings von PLUSTRACK, das Erstsemestrigen beim Ankommen hilft. Ihre Daten zeigen: Wer sich an der Hochschule zugehörig fühlt, ist weniger gestresst und macht mehr ECTS. → Zum Beitrag über Resilienz
Beide Forschungsansätze verbindet eine Haltung, die Jonas klar formuliert: Die Verantwortung dafür, mit einer unsicheren Welt zurechtzukommen, darf nicht allein bei den Studierenden liegen. „Von Selbstoptimierung halten wir gar nichts. Der systemische Blick ist sehr, sehr wichtig.“
Links
Eva Jonas, Profil an der Universität Salzburg: https://plus.ac.at/psychology/ueber-uns/internal-organisation/division-of-social-psychology/team/jonas-eva/?lang=en
Steckbrief Eva Jonas, Universität Salzburg (PDF): https://www.plus.ac.at/wp-content/uploads/2021/02/Jonas_Steckbrief_AOWSalzburg2019.pdf
Forschungsprojekt „From anxiety to approach – Testing a unified model of threat and defense“: https://uni-salzburg.elsevierpure.com/de/projects/from-anxiety-to-approach-testing-a-unified-model-of-threat-and-de/
Arbeitsgruppe Freudvoll & Aktiv, Poster (PDF): https://www.bmfwf.gv.at/dam/jcr:cd9ebb61-88ee-4d5a-b5d4-e2b7f69770a6/AG1.pdf (PDF, 622 KB)
PLUSTRACK, Community-Programm der Universität Salzburg: https://plustrack.at/
Resilienz entsteht gemeinsam: Was Hochschulen für ihre Studierenden tun können –Interview mit Anna Schreiner[AP2]
Wissen, Können, Wollen: Was Future Skills ausmachen – Interview mit Leoni Brand[AP3]
AG Freudvoll & Aktiv[AP4]
Hochschulstrategie 2040: https://www.bmfwf.gv.at/wissenschaft/hochschulstrategie-2040.html
Kontaktinformationen
Team Hochschulstrategie 2040, Bundesministerium für Frauen, Wissenschaft und Forschung: hochschulstrategie2040@bmfwf.gv.at