Wissen schafft Zukunft. Zukunft braucht Demokratie.
Am 31. März endet die Amtszeit von Elisabeth Gutjahr als Rektorin der Universität Mozarteum Salzburg, deren Geschicke sie acht Jahre lang geleitet hat. Zum Abschied liefert sie einen wertvollen Input zur Hochschulstrategie 2040.
„Wissen schafft Zukunft. Zukunft braucht Demokratie.“ Mit dieser klaren Botschaft hat Bundesministerin Eva-Maria Holzleitner im Rahmen der Kick-Off-Veranstaltung zur Hochschulstrategie 2040 im Dezember 2025 einen breit aufgestellten partizipativen Diskussionsprozess angestoßen, der eine Orientierung Richtung Zukunft leisten soll. Vertreter:innen aller Hochschularten verhandeln zusammen mit Studierenden, nationalen und internationalen Expert:innen sowie dem BMFWF acht Themenschwerpunkte, die die Lehre, akademische Karrierebedingungen, internationale Vernetzung, Innovation, Effizienz und Exzellenz, aber auch Bildungsgerechtigkeit, Fragmentierung und Vielfalt sowie Hochschule und Demokratie umfassen. „Gefragt sind gute Ideen, Kreativität, Mut und Gestaltungswille.“
Welch großartige Chance, die österreichische Hochschullandschaft in ihrer Vielfalt neu zu kartografieren und bestmöglich zu kultivieren.
Der Einstiegstext zur Diskussion vernachlässigt aber ein entscheidendes Moment: Wie verhält es sich denn mit unserem Wissensbegriff? Was verstehen wir darunter, wenn wir von „Wissenstransfer“ oder „Wissensvermittlung“ sprechen? Aus philosophischer Perspektive ließe sich antworten: Wissen kann nicht direkt übertragen oder vermittelt werden, dies gilt bestenfalls für Information. Wissen selbst ist an ein erkennendes Subjekt gebunden und abhängig von Vorverständnis, Erfahrungen und Urteilskraft desselben. Wissen kann bestenfalls ermöglicht werden, Wissenstransfer funktioniert eben nicht wie eine Postsendung.
Der dem Strategieentwicklungsprozess vorangestellte Slogan bedarf also möglicherweise einer klärenden Ergänzung, um nicht dem Vorschub zu leisten, dass man Zukunft allein auf Informationsaufbau begründet sieht – eine durchaus verheerende Verwechslung mit Blick auf Künstliche Intelligenz.
Kultur bildet Persönlichkeiten. Ohne Persönlichkeiten keine Demokratie.
Demokratiekompetenz als entscheidende Zielsetzung verlangt nach einem ergänzenden Begriff: Kultur. Für das Funktionieren einer Demokratie wirkt Kultur grundlegender als Wissen, aber ohne Wissen bleibt Kultur blind. Als Formel: Wissen macht Demokratie möglich, Kultur macht sie tragfähig. Dieser Aspekt wirft ein neues Licht auch auf die Universitäten. Was leisten Universitäten für den Umgang mit Wissen? Wie gestalten sie das Verhältnis von Wissen und Kultur? Und was können insbesondere auch die Kunst bzw. Kunstuniversitäten leisten, im Zusammenwirken von Wissen und Kultur im Hinblick auf die Weiterentwicklung der Gesellschaft in eine zukunftsfähige Demokratie?
Bei der Entwicklung der Hochschulstrategie 2040 könnte eine Sensibilität für begriffliche Bestimmungen und die Integration des Kulturbegriffs in die Leitgedanken wesentlich zur Qualität und Tragweite beitragen. Dies sollte begleitet werden durch fundierte Kenntnisse, präzise Analyse und entsprechende Fragestellungen. Auch wären evidenzbasierte Beispiele hilfreich. Man bedenke: Von Universitäten wurden bzw. werden zwar Revolten gestartet (siehe die 68er oder die aktuelle Bewegung in Serbien), aber auch diskriminierende Praxen gefeiert (der Ausschluss jüdischer Kolleg:innen in den 1930er-Jahren in Wien und an anderen österreichischen Hochschulen). Wissen an sich ist gewissenlos und amoralisch – ebenso verhält es sich mit der Wissenschaft. Das österreichische Universitätsgesetz (insbesondere § 1) öffnet aber einen weitreichenderen Denkraum. Diesen könnte man für die Strategieentwicklung nutzbar machen.
Wissenschaft prognostiziert Zukunft, Kunst erblickt sie, Musik umarmt sie.
„Ich brauchte vier Jahre, um wie Raphael zu malen, aber ein Leben lang, um wie ein Kind zu zeichnen.“ Pablo Picasso
Im Entwicklungsplan 25-30 der Universität Mozarteum Salzburg findet sich ein Absatz, der wesentliche Positionen für die Hochschulstrategiebildung 2040 beitragen könnte:
„Kunstuniversitäten agieren inmitten der Gesellschaft und spiegeln deren Entwicklung wider, zeigen Missstände und Problemfelder auf, bauen Brücken zu Verstehen und Mitgefühl, öffnen kreative Freiräume und bilden Gemeinschaften auf Zeit; all dies und vieles mehr beinhalten Lehre, Entwicklung und Erschließung der Künste sowie die kunstuniversitäre Forschung. Kunstuniversitäre Forschung gestaltet sich vielfach – und vielfach anders als in anderen Universitäten. Ebenso unterscheiden sich auch Zielsetzungen, Leistungswille, Internationalität, Wettbewerbsformate und Zulassungsvoraussetzungen. (…) Kunstuniversitäten sind Orte, an denen einzigartige Erfahrungen, individuelle und kollektive Höhenflüge, Magisches und Verstörendes stattfinden und dies täglich in irgendeinem der Ateliers, auf einer Probebühne, im Übe-Raum, beim nächtlichen Orgelspiel im Großen Saal der Internationalen Stiftung Mozarteum oder in einer surrealen Sterbeszene einer Oper. Dieser unermessliche Reichtum an multipler ästhetischer Erfahrung verbunden mit differenzierten Qualitätsverständnissen, bieten für die Weiterentwicklung von Gesellschaft und Leben ein fundamentales, oft auch komplementäres „Wissen“.
Es bleibt zu hoffen, dass die Entwicklung der Hochschulstrategie 2040 diese Erkenntnisse zu Wissen, Gesellschaft und Zukunft nicht aus den Betrachtungen ausklammert. Der Rat für Forschung, Wissenschaft und Technologieentwicklung (FORWIT), dessen Analyse des Hochschulsystems Teil der Ausgangsbasis sein wird, wäre gut beraten, die Hochschullandschaft nicht auf eine wirtschaftstheoretische Perspektive zu reduzieren.
Mit Blick auf die Kantsche Erkenntnistheorie ließe sich vereinfacht resümieren: Erkenntnis bedarf der ästhetischen, der sinnlichen Anschauung, Logik allein generiert keine Einsicht. Wissen reduziert auf Information wäre ein fatales Momentum, zumal der Wahrheitsanspruch nach wie vor eine Herausforderung darstellt.
Erst das Zusammenspiel von transzendentaler Ästhetik und Logik genährt von einem kulturell erlebbaren Wertesystem führt zu profunder Erkenntnis. Möglicherweise fehlt es der „Wissensgesellschaft“ des 21. Jahrhunderts an solcher Erkenntnis.
Demokratie verwirklicht sich zwischen Utopie und Technokratie. Universitäten bieten hierfür einen einzigartigen Verhandlungsraum. Utopien aber entziehen sich strategischer Planbarkeit.
Die partizipative Entwicklung der Hochschulstrategie 2040 ist ein politisches Unterfangen. Man mag an das berühmte Zitat denken, das Politik und Kunst verbindet und hierzu an eine Überlegung von Willy Brandt erinnern:
Die oberste Maxime, die Politik als Kunst des Möglichen zu erkennen, bedeutet, „dass […] es weder Kunst noch Politik ist, im Wunschdenken befangen zu bleiben. Statt des ‚bloß Möglichen‘ das zunächst unmöglich Erscheinende doch möglich und damit zum Gegenstand der Politik werden zu lassen, das ist die Kunst.“
Ohne Kunst keine Zukunft.
Dieser Beitrag erschien als Gastkommentar der in den Salzburger "Uni-Nachrichten" (dem gemeinsamen Magazin der Universität Salzburg und den Salzburger Nachrichten) am 14. März 2025. Er wird auch in der nächsten Ausgabe 03/26 Newsletter zur Hochschulstrategie 2040 aufscheinen. Registrieren Sie sich dafür, um keine Ausgabe zu versäumen.
Zur Person: Seit 2018 wirkt Elisabeth Gutjahr als Rektorin an der Universität Mozarteum Salzburg und setzte entscheidende Impulse für Öffnung, Vielfalt und Innovation. Mit 31. März 2026 endet ihre Amtszeit. Im November 2025 wurde die Professorin, Musikpädagogin und Librettistin zur Vorsitzenden des Landeskulturbeirat Salzburg gewählt (bis 2029).
Links & Downloads
- Hochschulstrategie 2040
- Universitätsgesetz (UG 2002)
- Entwicklungsplan 2025-2030 der Universität Mozarteum Salzburg
- Universität Salzburg – UniNachrichten
- Artikel „„Wissen schafft Zukunft. Zukunft braucht Demokratie“ (PDF, 507 KB), erschienen am 14. März 2026 in den Salzburger „UNI-Nachrichten“