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„Mehr Wissen allein garantiert keine demokratische Stabilität“

Astrid Séville, Professorin für Politische Theologie an der Leuphana Universität Lüneburg, über die Verantwortung der Hochschulen für Demokratie, für Sprache und wieso Wissenschaftskommunikation derzeit überfordert wird.

Alice Seville Porträt
Foto: Alice Seville

Astrid Séville hat wenig Zeit. Die Professorin für Politische Theorie an der Leuphana Universität Lüneburg und Leiterin des Zentrums für Demokratieforschung hat eben die diesjährige Vienna Lecture on Science Communication an der ÖAW, der Österreichischen Akademie der Wissenschaft, zum Thema „Kitsch und Krise. Wissenschaftskommunikation in der Gegenwart“ gehalten. Nun wird die 41-Jährige gebürtige Aachnerin noch von einigen eifrigen Zuhörer:innen umringt, die unbedingt mit ihr weiterdiskutieren wollen, warum Wissenschaftskommunikation ihrer Ansicht nach „mit normativen Hoffnungen überfrachtet und zum vermeintlichen Heilmittel, also zum Kitsch, stilisiert“ werde.

Auch der gemeinsame Plan, unser Interview vielleicht tags darauf zu führen, geht nicht auf. Séville ist Ehrengast des Wiener Wissenschaftsball, der am Samstag, den 24. Jänner 2026, zum 11. Mal im Wiener Rathaus stattfindet. Sie bittet um Verständnis, sie müsse sich dafür noch die Haare machen lassen. Und meint, nicht ganz ernst gemeint, sie als Deutsche seit mit dem Dresscode auf Bällen nicht so geübt.

Denn Séville kennt sich mit den Wiener Gepflogenheiten durchaus aus. 2022 hatte sie die Sir Peter Ustinov-Gastprofessur an der Universität Wien inne und untersuchte dort, wie Verschwörungsdenken, Fake News und Polarisierung demokratische Politik gefährden.

Die Auswirkungen von Sprache auf die Demokratie, das ist eines der Themen, die Séville besonders bewegt. Zuletzt hat sie 2024 mit ihrem Kollegen Julian Müller einen 121-seitigen starken, viel beachteten Essay über "Politische Redeweisen" (https://doi.org/10.1628/978-3-16-163372-0) geschrieben. Dabei untersucht sie die typischen Tonfälle, Sprechweisen und Inszenierungen, die sich an die „Mitte der Gesellschaft“ richten. Dabei arbeiten sie u.a. heraus, dass die klassischen Grenzen zwischen Journalismus, Wissenschaft, Kunst, Comedy und Aktivismus verschwimmen, etwa indem „Amtsträger, die demonstrativ flapsig daherkommen; (...), Journalistinnen, die betont staatstragend werden; Schauspieler oder Theatermacher, die sich als politische Aktivisten verstehen; Wissenschaftlerinnen, die ungebrochen und ohne Distanz politisch sprechen“, wie es an einer Stelle heißt.

Was das mit dem Schwerpunktthema „Hochschule & Demokratie“ der Hochschulstrategie 2040 zu tun hat? Das haben wir Astrid Séville auch gefragt. Geworden ist es ein Austausch per E-Mail. Dabei hielt Séville ihre Antworten absichtlich kurz. Dieses Interview ist ja für die erste Ausgabe des BMFWF-Newsletters zur Hochschulstrategie im Jänner gedacht. Als Ergänzung hat sie dem BMFWF aber Notizen zu ihrer Vorlesung bereitgestellt, die, wo es thematisch passt, kursiv beigefügt werden.

Den Wissenschaftsball hat Séville übrigens sehr genossen. „Beeindruckend und herrlich heiter“, ließ sie wissen.

...und jetzt zum Interview:

Was kann man sich unter der „Sprache der Demokratie“ als Forschungsschwerpunkt vorstellen?
Astrid Séville: Gemeint ist die Analyse jener sprachlichen Praktiken, Begriffe und Narrative, durch die demokratische Ordnungen verhandelt, legitimiert oder infrage gestellt werden. Sprache wird dabei als zentrales Medium politischer Teilhabe, Machtverteilung und Konfliktaustragung verstanden.

Schafft Sprache unsere Lebensrealität(en)?
Ja, insofern Sprache Wirklichkeit nicht bloß abbildet, sondern soziale Wirklichkeiten strukturiert, Bedeutungen stabilisiert und Handlungsräume eröffnet oder begrenzt. Sie ist konstitutiv für Wahrnehmung, Identität und gesellschaftliche Ordnung.

Was bedeutet das für Hochschulen? Welche Verantwortung tragen sie?
Hochschulen tragen Verantwortung für eine reflektierte, differenzierte und pluralitätsfähige Sprache. Sie prägen politische Diskurse, sowohl explizit als auch implizit, und müssen sich ihrer normativen Wirkung bewusst sein.

Haben Hochschulen ihre Verantwortung im Umgang mit Cancel Culture und Antisemitismus wahrgenommen?
Teils ja, teils unzureichend. Hochschulen haben wichtige Schutz- und Klärungsprozesse angestoßen, zugleich aber mitunter zu spät oder inkonsistent reagiert. Hier besteht weiterhin erheblicher institutioneller Klärungs- und Handlungsbedarf.

Wie weit soll und darf an Hochschulen diskutiert werden?
So weit wie möglich, aber nicht grenzenlos. Wissenschaftliche Diskussionen müssen offen, kontrovers und kritisch sein, zugleich jedoch an wissenschaftliche Standards, Rechtsstaatlichkeit und den Schutz vor Diskriminierung gebunden bleiben.

Was bedeutet das für Studium, Lehre und Wissenschaft?
Es erfordert eine stärkere Betonung von Reflexionskompetenz, Diskursfähigkeit und Wissenschaftsethik. Lehre muss nicht „anders“, aber bewusster stattfinden: dialogischer, kontextsensibler und stärker auf argumentative Praxis ausgerichtet.

Ist es Aufgabe der Hochschulen, Demokratiebewusstsein zu stärken?
Nicht im Sinne politischer Indoktrination, wohl aber durch die Vermittlung kritischen Denkens, methodischer Urteilsfähigkeit und pluraler Perspektiven. Wissen schafft nicht automatisch Demokratie, ist aber eine ihrer zentralen Voraussetzungen.

Besonders problematisch wird diese Entwicklung dort, wo Wissenschaftskommunikation normativ überhöht wird. In politischen Programmen und Leitbildern erscheint sie als Garant für Demokratie, Rationalität und gesellschaftliche Resilienz. Die implizite Annahme lautet: Mehr Wissen führe zu besseren Entscheidungen, mehr Verständigung und weniger Konflikt. Ein solcher Glaube droht jedoch den Charakter wissenschaftlichen Wissens zu verkennen. Wissenschaft produziert keine endgültigen Wahrheiten, sondern vorläufige, kontextabhängige Wissensansprüche. Sie differenziert, problematisiert und erzeugt Ambivalenzen – Eigenschaften, die politischer Entscheidungsfindung nicht immer zuträglich sind.

Warum wird von der Wissenschaftskommunikation zu viel erwartet?
Weil sie zunehmend als Lösung für gesellschaftliche Vertrauenskrisen, Desinformation und politische Polarisierung herangezogen wird. Diese Erwartungen überfordern sowohl einzelne Wissenschafter:innen als auch institutionelle Strukturen.

Vor diesem Hintergrund erscheint die gegenwärtige Beschwörung von Wissenschaftskommunikation selbst als Symptom der Krise. In ihr artikuliert sich eine Sehnsucht nach Versachlichung und Rationalisierung, nach einem Ausweg aus konflikthaften Auseinandersetzungen. Wissenschaftskommunikation wird dabei mit normativen Hoffnungen überfrachtet und zum vermeintlichen Heilmittel stilisiert. Oft richtet sie sich jedoch an ein ohnehin zustimmendes Publikum und bleibt auf einer meta-politischen Ebene, die konkrete Konflikte und Machtfragen ausblendet. So droht Wissenschaftskommunikation dort kitschig zu werden, wo sie mehr verspricht, als sie leisten kann: wenn sie gesellschaftliche Verständigung garantiert, politische Konflikte als Kommunikationsprobleme missversteht und die eigene Rolle im Spannungsfeld von Wissen, Politik und Öffentlichkeit nicht reflektiert. Eine „abgeklärte Aufklärung“ würde demgegenüber ihre Grenzen ernst nehmen – und gerade darin ihren Wert für eine pluralistische, demokratische Gesellschaft erkennen.

Was bedeutet das für einzelne Wissenschafter:innen und Hochschulen?
Es braucht realistische Rollenzuschreibungen, klare institutionelle Unterstützung und eine Entlastung von der Vorstellung, Wissenschaftskommunikation könne gesellschaftliche Konflikte allein lösen.

Brauchen wir mehr Wissenschafts- und Demokratievertrauen? Gibt es einen Zusammenhang?
Ja. Vertrauen in Wissenschaft stärkt informierte politische Urteilsbildung, ist jedoch selbst abhängig von Transparenz, Nachvollziehbarkeit und gesellschaftlicher Einbettung. Mehr Wissen allein garantiert keine demokratische Stabilität.

Wozu werden wir Hochschulen im Jahr 2040 brauchen?
Als Orte kritischer Wissensproduktion, demokratischer Diskursfähigkeit und gesellschaftlicher Selbstverständigung. Hochschulen bleiben zentrale Institutionen zur Bearbeitung komplexer Zukunftsfragen jenseits kurzfristiger politischer oder ökonomischer Logiken.

Alexandra Parragh, BMFWF

Zur Person Astrid Séville

Astrid Séville ist Professorin für Politikwissenschaft, insbesondere Politische Theorie, an der Leuphana Universität Lüneburg. Dort leitet sie seit April 2025 auch das Zentrum für Demokratieforschung (ZDemo). 2022 hatte sie die Sir Peter Ustinov Gastprofessur der Stadt Wien an der Universität Wien inne. Sie studierte Politikwissenschaft, Romanistik und Historische Anthropologie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und an der Université Denis Diderot Paris und arbeitet zu Politischer Theorie, zu Populismus und demokratischer Opposition, politischer Kommunikation, gesellschaftlichen Transformations- und Inklusionsprozessen.