"Internationalität ist nicht Anglisierung, Internationalität ist europäische Vielfalt"
Österreichs Hochschulen sollen sich darauf konzentrieren, was sie gut machen. Und gleichzeitig innerhalb Europas noch stärker zusammenarbeiten. Wie beides gelingen kann, betont Antonio Loprieno, einstiger Vorsitzender des österreichischen Wissenschaftsrates, Experte und langjähriger Beobachter des österreichischen Hochschulsystems im Interview. Nur auf internationale Rankings sollten sie seiner Ansicht nach dabei lieber nicht setzen.
Antonio Loprieno sagt sofort begeistert zu, als die Interviewanfrage kommt. Denn mit Reformen von Hochschulsystemen beschäftigt sich der Schweizer Ägyptologe, der von 2005 bis 2015 Rektor der Universität Basel, danach Präsident der Schweizer Rektorenkonferenz war, immer wieder, insbesondere, wenn es um Österreichs Hochschulsystem geht. Loprieno saß bereits 2011 in jenem Expert:innengremium, das im Auftrag des damaligen Wissenschaftsministers Karlheinz Töchterle den Bericht „Zur Entwicklung und Dynamisierung der österreichischen Hochschullandschaft: eine Außensicht" verfasst hatte.
Er bildete die Basis für so einige hochschulische Reformvorhaben in Österreich, insbesondere die Einführung des ersten Hochschulplans 2011 und die Österreichische Hochschulkonferenz als das zentrale Beratungs- und Koordinationsgremium, in dem alle vier Hochschulsektoren vertreten sind und das Empfehlungen zur Weiterentwicklung des österreichischen Hochschulraums gemeinschaftlich erarbeitet. Von 2016 bis Ende 2021 leitete Loprieno außerdem den Österreichischen Wissenschaftsrat, der bis zu seiner Eingliederung in den FORWIT, den österreichischen Rat für Forschung, Wissenschaft, Innovation und Technologieentwicklung, ab 1. Juli 2023 die für Wissenschaft und Forschung zuständigen Bundesminister:innen in allen Fragen beriet, die das österreichische Universitäts- und Wissenschaftssystem betrafen. Warum Internationalität für ihn heute vor allem europäische Zusammenarbeit bedeutet – und nicht Anglisierung –, erklärt er im Interview.
Herr Loprieno, wie wird der österreichische Hochschulraum heute international wahrgenommen, verglichen mit 2016, als sie den Vorsitz des damaligen österreichischen Wissenschaftsrats übernommen haben?
Der vielleicht wichtigste Unterschied: 2016 gab es noch so etwas wie eine eigenständige Wahrnehmung Österreichs als Hochschulstandort. 2026 ist es sehr schwer geworden, in Europa unterschiedliche Identitäten aufrechtzuerhalten – auch im Hochschulbereich. Der Krisenmodus der letzten zehn Jahre hat paradoxerweise eine neue Form von Internationalität herbeigeführt: Die nationalen Hochschullandschaften haben an Spezifika verloren, weil die Reaktionen auf Krisen – Pandemie, geopolitische Verwerfungen, Finanzierungsengpässe – überall erstaunlich parallel verlaufen sind. Was ich in Deutschland, der Schweiz und Frankreich beobachte, spiegelt sich eins zu eins in Österreich wider.
Sie sprechen von einem Krisenmodus. Hat der auch das Verständnis von Internationalität selbst verändert?
Fundamental. Bis etwa 2020 lebten wir in einem globalen Hochschuloptimismus: Internationalität war per se eine gute Sache, Wissenschaft vereint, alle sind willkommen – das war der unausgesprochene Konsens, den so gut wie jeder Hochschulexperte teilte, einschließlich meiner Wenigkeit. Diesen Konsens gibt es nicht mehr. 2026 können wir Internationalität nicht mehr als selbstverständlich proklamieren. Wir haben nun eine relative statt einer absoluten Form der Internationalisierung.
Und diese relativen Formen sind vor allem europäisch. Was wir früher mit „global“ meinten, bezieht sich heute auf Europa. Das Modell, man müsse in Amerika gewesen sein, um wissenschaftlich wirklich top zu sein – das ist vielleicht nicht ausgestorben, ist aber extrem kompromittiert. Stünde ich heute noch einmal vor der Wahl, wie ich sie 1989 hatte - nach Göttingen oder Los Angeles zu gehen - würde ich mich heute nicht mehr für die UCLA, sondern ohne zu zögern für die Universität Göttingen entscheiden, an der ich mich schließlich auch habilitiert hatte. Ich könnte nicht guten Gewissens in einem Land lehren und forschen, das eine derartige intellektuelle und moralische Abdrift erlebt.
Wie findet man in diesem neuen, europäisch zentrierten Rahmen die richtigen Partner:innen – gibt es dafür schon eine gemeinsame Währung?
Wir befinden uns noch in einer prämonetären Wirtschaft, wenn man so will, ohne gemeinsame Währung. Die zentrale Frage ist noch ungelöst: Sind alle willkommen, die bei uns studieren, lehren und forschen wollen, oder nur jene, die ich für affin halte und die unsere europäischen Werte teilen? Nehmen Sie das Beispiel chinesischer Institutionen: Wir wissen als Hochschulen noch nicht, wie wir damit operieren wollen. Unsere Hochschulen bekennen sich einerseits zur Freiheit von Lehre und Forschung, lehnen aber staatlich gelenkte, internationale Zusammenarbeit, wie wir sie in China erleben, zugleich nicht voll ab.
Aber zeichnen diese Werteorientierung, diese Fundamental Values nicht eben den europäischen und österreichischen Hochschulraum aus?
Diese Werte, die wir bis vor Kurzem für universell hielten – eine Art Magna Charta der Wissenschaft, die Wien mit Singapur bis Fudan verband –, werden von immer mehr Institutionen explizit abgelehnt. China, Saudi-Arabien und sogar die USA sagen: „Wir wollen eure Werte nicht.“ Das bedeutet umgekehrt genau das, was Sie sagen: Akademische Freiheit, Hochschulautonomie und die anderen Grundwerte sind kein selbstverständlicher Teil einer globalen Wissenschaftsordnung mehr, sondern ein eigenständiges, distinktives Merkmal Europas geworden. Bologna, der Europäische Hochschulraum, die gemeinsamen Qualitätsstandards – das war früher eine Art Abteilung der globalen Hochschulordnung. Heute ist es unser Alleinstellungsmerkmal. Deshalb glaube ich auch, dass es jetzt umso wichtiger ist, dass die Hochschulen in Europa noch viel stärker als bisher zusammenarbeiten. Zugleich darf jede Hochschule auf ihre regionalen Stärken setzen, die sie dabei einbringt. Es wird in Zukunft noch stärker im Bereich der Internationalisierung auf das Netzwerkdenken ankommen.
Wie bewerten Sie die European Universities-Allianzen in diesem Zusammenhang?
Ich erinnere mich noch gut, als diese Allianzen im Entstehen waren und gerade die großen, renommierten Universitäten meinten, das sei was für die anderen, aber nicht für sie. Heute wollen alle unbedingt mitmachen – und das aus gutem Grund. Diese europäischen Netzwerke sind zu einem entscheidenden Hebel für die Internationalisierung geworden.
Und das ist auch der Punkt, den ich heute anders sehe als früher: Es reicht nicht, eine nationale Internationalisierungsstrategie zu formulieren. Jede einzelne Universität muss sich ihren eigenen Markt der Internationalisierung aussuchen. Salzburg muss sich überlegen, wie es Internationalität anders interpretiert als Innsbruck – im Rahmen gemeinsamer europäischer Werte, aber mit einem je eigenen Profil, bei aller Wertschätzung für Ihr Ministerium.
Wo liegt dabei der entscheidende Hebel?
Das ist vielleicht meine provokanteste These: Der Hebel liegt in der Lehre, nicht in der Forschung. Die Forschung folgt sowieso der unsichtbaren Hand – eine Forscherin trifft einen Forscher, die tun sich zusammen, ohne ministeriales Zutun von oben. Was hingegen wirklich einen Unterschied macht, ist die curriculare Zusammenarbeit: gemeinsame Studiengänge, gegenseitige Anerkennung, Flexibilisierung der Curricula. Insbesondere in den Geistes- und Sozialwissenschaften ist das absolut zentral.
Dazu kommt ein weiterer Faktor: die Künstliche Intelligenz. Durch die schrittweise Einbettung von Large Language Models in das universitäre Leben bleibt eine Dimension der universitären Erfahrung vollkommen außen vor – die Dimension der Betreuung, der persönlichen Begleitung des Studiums. Das ist das, was KI niemals ersetzen kann. Fragen Sie die großen Modelle wie ChatGPT als auch Gemini danach und sie sagen es selbst: die studentische Betreuung muss von Wissenschafter:innen aus Fleisch und Blut gemacht werden. Die Professorin der Zukunft ist weniger Wissensvermittlerin als Betreuerin. Das klingt wie eine Rückkehr zu den Anfängen der Universität als Gelehrtengemeinschaft – und vielleicht ist es das auch.
Englisch ist schon heute Lingua franca der Internationalisierung, muss Österreich da nachschärfen?
Im Gegenteil, ich glaube, die Bedeutung des Englischen wird geringer werden. Nicht verschwinden – aber die groß angelegte Aktion zum Ausbau englischsprachiger Curricula ist meines Erachtens schon datiert. Das liegt nicht nur an der KKI, die uns immer bessere Übersetzungen liefert. Dies spiegelt eine Internationalisierungsrealität wider, die nicht mehr besteht. Nach Brexit, nach Trump 2.0 – wer braucht schon zwingend Englisch als einzige Wissenschaftssprache? Im Gegenteil: Wenn ein echtes gemeinsames Curriculum zwischen Salzburg und Bologna entsteht, ist es kein Drama, wenn ein Semester auf Deutsch stattfindet. Vielleicht bin ich da auch sehr schweizerisch, aber Sprache sollte weder eine Trennung sein noch ein Zwang. Internationalisierung ist nicht Anglisierung.
Wie relevant sind Rankings für die internationale Sichtbarkeit österreichischer Hochschulen?
Die Tage der großen Rankings – Shanghai, Times Higher Education, QS – sind gezählt. Sie haben Enormes bewirkt: Sie haben die Aufmerksamkeit auf Forschungsexzellenz gelenkt und manche Länder zu sinnvollen Konsolidierungen gebracht. Frankreich hat das klug gemacht – zum Beispiel eine rankingsrelevante Universität wie Paris Sciences et Lettres auf dem Papier zusammengeführt, ohne dass die lokalen institutionellen Identitäten verschwunden wären. Das wäre auch für Österreich ein denkbares Modell: formal verbunden, lokal verankert.
Aber das Ranking als Instrument zeigt Ermüdungserscheinungen. Es interessiert kaum noch jemanden, ob man dieses Jahr auf Platz 124 oder 128 liegt. Und in einem Land mit so hoher Studienvielfalt wie Österreich bedeutet ein Aufstieg im Ranking oft auch, auf Studienfächer verzichten zu müssen, die zwar nicht rankingsrelevant, aber gesellschaftlich unverzichtbar sind. Ich würde nicht mehr auf Rankings setzen.
Was wäre dann die Alternative, worauf sollte Österreich setzen?
Konzentration auf das, was Österreich wirklich gut macht. Und da bin ich optimistischer als viele Österreicher:innen über ihr eigenes System: Die intellektuelle und wissenschaftliche Vielfalt an österreichischen Universitäten ist für die Größe des Landes schlicht sensationell. Die Kompetenz in Geistes- und Sozialwissenschaften, die Sprachvielfalt auf akademischem Niveau, aber auch die Südosteuropa-Expertise – das gibt es in Deutschland und der Schweiz in dieser Dichte nicht. Das wäre meine Empfehlung: nicht abschaffen, was andere besser machen, aber durchaus stärker auf das fokussieren, was Österreich besser kann.
Zur Strukturfrage: Sind 77 Hochschulen für ein kleines Land wie Österreich zu viele?
Rein institutionenökonomisch: ja, das ist offensichtlich. Das habe ich schon 2016 zu meinem Antritt beim Wissenschaftsrat gesagt, was mir damals einen prompten Anruf der damaligen uniko-Präsidentin eingebracht hat. Uni-Wien-Altrektor Georg Winckler sagt es heute noch deutlicher. Offensichtlich verfügen die Kräfte, die am Erhalt des Status quo interessiert sind, bislang noch über genügend Ressourcen, um 77 Institutionen gedeihen zu lassen. Das ändert sich erst, wenn das Geld wirklich knapper wird – und dieser Moment rückt in ganz Europa näher. Dann wird irgendjemand bereit sein müssen, auch unpopuläre Entscheidungen zu treffen. Dafür bietet die Hochschulstrategie 2040 den richtigen Rahmen.
Sie haben schon viele Reformbestrebungen erlebt. Wie hoch stufen Sie die Erfolgschance für die Hochschulstrategie 2040 ein?
Sie bereiten mir mit dieser Frage schon ein bisschen diplomatische Schwierigkeiten. Ich kann sagen, ich halte es für wichtig und wesentlich, eine fundierte Analyse des Status Quo durchzuführen und daraus ein möglichst genaues Zielbild zu entwickeln. ÖÖAW-Präsident Heinz Faßmann hat von der Hochschulstrategie als einen Versuchsballon gesprochen. Dem schließe ich mich an.
Das antwortet Antonio Loprieno auf die zentrale Frage der AG International & Sichtbar: Wie international und sichtbar werden Österreichs Hochschulen 2040 sein?
Geringfügig sichtbarer als heute. Ich füge das Adverb „geringfügig“ bewusst hinzu: Die Geschichte geht in eine positive Richtung für Österreich, weil die Bedeutung kleinerer wissenschaftlicher Realitäten eher zu- als abnimmt. Die Welt wird kleiner – und eine kleine, vielfältige Hochschullandschaft wird proportional größer wahrgenommen. Aber zugleich schläft die Konkurrenz nicht. Österreich muss sich ranhalten.
Das antwortet Antonio Loprieno auf die Hauptfrage der Hochschulstrategie 2040: Wozu brauchen wir 2040 (noch) Hochschulen?
77 Hochschulen brauchen wir bis dahin möglicherweise nicht mehr, aber die, die es dann gibt, sind nach wie vor für die wissenschaftliche Interaktion verantwortlich, die niemals außerhalb der Hochschulen passieren kann. Reine Wissensvermittlung kann wahrscheinlich maschinell oder algorithmisch ersetzt werden, wissenschaftliche Interaktion zwischen Lehrenden, Forschenden und den Studierenden aber niemals.
Zur Person Antonio Loprieno
Antonio Loprieno (* 1955 in Bari) ist Ägyptologe und lehrte u. a. an der University of California, Los Angeles. Von 2005 bis 2015 war er Rektor der Universität Basel, von 2008 bis 2015 Präsident der Schweizer Rektorenkonferenz (swissuniversities). Von 2016 bis 2022 leitete er den Österreichischen Wissenschaftsrat. Zuletzt war er Präsident von ALLEA, dem europäischen Dachverband der Akademien der Wissenschaften. Sein Buch „Die entzauberte Universität“ erschien 2016 im Passagen Verlag.
Links
- Archivseite des österreichischen Wissenschaftsrats
- FORWIT – Österreichischer Rat für Forschung, Wissenschaft, Innovation und Technologieentwicklung
- Bericht „Zur Entwicklung und Dynamisierung der österreichischen Hochschullandschaft: eine Außensicht" aus 2011
- Hauptseite AG „International & Sichtbar“
- Hochschulstrategie 2040