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Frieden ohne Gewalt? Ist Zukunft beeinflussbar? Ja!

Was Österreich als neutrales Land mit seiner Wissenschaft und Forschung zum Frieden und zur Lösung globaler Konflikte beitragen kann, um die Zukunft, Gesellschaft und Demokratie zum Besseren zu verändern. Das war Thema einer Konferenz zum Thema Friedens- und Konfliktforschung.

Frieden, Zukunft und Demokratie sind keine Selbstläufer – sie müssen gestaltet, vermittelt und immer wieder neu ausgehandelt werden. Genau hier hat die Veranstaltung vom 26. Mai 2026 angesetzt, zu der Wissenschaftsministerin Eva-Maria Holzleitner in die Urania in Wien geladen hatte. Ziel war, wissenschaftliche Perspektiven und praktische Erfahrungen zusammenzubringen und zu fragen, welchen Beitrag Wissenschaft, Forschung, Bildung und Politik zu einer friedlichen und demokratischen Gesellschaft leisten können. Deshalb stellte die Moderatorin der Veranstaltung, Viktorija Ratković vom Zentrum für Friedensforschung und Friedensbildung der Universität Klagenfurt, die Veranstaltung auch unter das Motto: „Mit friedlichen Mitteln vom Frieden her denken, nicht vom Krieg her.“

Dem schloss sich Ministerin Holzleitner an, die die Veranstaltung mit folgendem klaren Bekenntnis eröffnete: „Frieden, Wissenschaft und Demokratie bedingen einander. Gerade in einer Zeit, in der autoritäre Strömungen, Vertrauensverlust und geopolitische Konflikte die demokratischen Grundfesten erschüttern, liefert die Friedensforschung zentrale Grundbausteine für eine friedliche und demokratische Gesellschaft“, betonte sie. Dabei komme Österreich als neutrales Land mit Wien als Sitz zahlreicher internationaler Organisationen eine besondere Verantwortung zu. Deshalb sei es nur folgerichtig, dass das BMFWF seinen Fokus auf daraufsetze, Österreich und seine globale Rolle zu stärken, um Frieden und Sicherheit voranzutreiben, getragen von jeder Bürgerin und jedem Bürger durch Wissenschaft, Erwachsenenbildung und Hochschulen.

Und Holzleitner zitierte den deutschen Kanzler Willi Brandt, der 1981 gesagt hatte: „Der Frieden ist nicht alles – aber ohne Frieden ist alles nichts."

Themenblock A: Wissenschaftliche Zugänge – Zukunft und Frieden gestalten

Friedenspolitik mit friedlichen Mitteln

Mit einem Zitat des früheren deutschen Bundespräsidenten Gustav Heinemann aus dem Jahr 1969 eröffnete auch Thomas Roithner, Friedensforscher und Privatdozent am Institut für Internationale Entwicklung der Universität Wien, seinen Vortrag: „Der Frieden ist der Ernstfall“.

Roithner plädierte dafür, vom Frieden her zu denken – nicht vom Krieg. „International nützliche Beiträge für eine Friedenspolitik mit friedlichen Mitteln – dafür steht eine glaubwürdige Neutralität“, hob er hervor. Österreichs immerwährende Neutralität bedeute daher nicht Nichtstun, sondern aktiv zu handeln: als Ort für Friedensverhandlungen, als Vorreiterin für Abrüstung und zivile Krisenprävention. Denn Vorbeugen sei besser als Heilen – in allen Phasen eines Konflikts.

Roithner skizzierte eine Friedenspolitik, die auf einem stabilen politischen Fundament ruhe: der immerwährenden Neutralität, der Stärkung des Gewaltverbots, einer aktiven globalen Außenpolitik, dem Konzept menschlicher Sicherheit, einem „Whole of Society“-Ansatz und institutionellem Pluralismus in Europa. Auf dieser Basis setzte er konkrete strategische Schwerpunkte im Sinne einer echten Friedensstrategie: Abrüstung, Friedensvermittlung, zivile Konfliktbearbeitung und Krisenprävention, eine feministische und inklusive Friedenspolitik „sowie die Erkenntnis, dass Klimapolitik immer auch Friedenspolitik ist“, wie Roithner hervorhob. Verbindendes Element sei die Bereitschaft, Machtverhältnisse und Abhängigkeiten zu hinterfragen – im Sinne post- und dekolonialer Friedensforschung.

Zukunft denken lernen – Futures Literacy

Am 4. November 1946, also vor fast genau 80 Jahren wurde die UNESCO, die Internationale Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur ins Leben gerufen. Ihr Ziel: durch internationale Zusammenarbeit in diesen Bereichen den Weltfrieden, die Sicherheit und die Einhaltung der Menschenrechte zu fördern. „Da Kriege im Geist der Menschen entstehen, muss auch der Frieden im Geist der Menschen verankert werden“, lautet ihr Motto seit damals.

Die Kompetenzförderung und Bildung, insbesonders mit Blick auf die Zukunft, nimmt dabei eine ganz entscheidende Rolle ein. Carmen Sippl, Inhaberin des UNESCO-Lehrstuhls „Learning and Teaching Futures Literacy in the Anthropocene" an der PH Niederösterreich, machte das in ihrem Vortrag deutlich. „Die weiter entfernte Zukunft überlassen wir zu oft anderen. Futures Literacy bedeutet, verschiedene Zukünfte zu denken und daraus Handlungsfähigkeit abzuleiten – als partizipativer, kollaborativer Prozess, der Empowerment stärkt.“, hob sie hervor. Sippl zitierte die französische Politikwissenschafterin Florence Gaub, die Zukünfte mit ineinandersteckenden Legosteinen vergleicht, die nicht nur sinnbildlich alle miteinander verbunden seien. „Die tägliche Zukunft ist eingebettet in die persönliche Zukunft, die wiederum Teil der Zukunft der Gesellschaft ist, die wiederum Teil der Zukunft des Planeten ist." (Florence Gaub)

Sippl versteht Futures Literacy daher als Zukünftegestaltungskompetenz, die Weltbezug schafft und unmittelbar an das UN-Nachhaltigkeitsziel 4.7 anschließt: eine Kultur des Friedens und der Gewaltlosigkeit, Menschenrechte, Geschlechtergleichstellung und Weltbürger:innenschaft. An der PH St. Pölten lassen sich diese Zukünfte anfassen und mitgestalten: in der  Ausstellung Zukunft am Campus" (ZaC), einem Reallabor an der PH St. Pölten mit  fünf Mitmachstationen zum Denken, Erkunden, Erzählen und Träumen von Zukunft.

Den wissenschaftlichen Rahmen dafür liefert der FuturesCompder im Auftrag des BMFWF entwickelte Referenzrahmen für Futures Literacy in der Hochschulbildung, der Schlüsselkompetenzen rund um das Erkunden, Mitgestalten und Erleben von POLY-Zukünften definiert.

Themenblock B: Von der Theorie in die Praxis

Wie Forschungsergebnisse zur Demokratiestärkung angewandt werden – und so Ohnmacht in Handlungsmacht verwandeln

Technologie im Dienst des Friedens – PeaceTech

„Technologien können Menschen in der Friedensarbeit nicht ersetzen, aber unterstützen. Dafür braucht es Vertrauen in den verantwortungsbewussten Einsatz von Technologien und in die Menschen, die sie entwickeln. PeaceTech muss die Bedürfnisse konfliktbetroffener Menschen ins Zentrum stellen." Das betonte Astrid Holzinger, Senior Project Managerin und Leiterin des PeaceTech-Portfolio am Austrian Centre for Peace (ACP) in ihrem Vortrag.

Mit mehr als zehn Jahren Erfahrung in multilateraler Diplomatie, Friedensarbeit und Krisenmanagement – u. a. bei der UN-Mission im Sudan – zeigt sie: Technologie kann Friedensarbeit unterstützen, von Frühwarnsystemen über digitale Plattformen zur stärkeren Beteiligung von Frauen in Friedensprozessen bis zu VR-Trainings für Peacekeeping-Einsätze. Aber: Tech-Konzernen fehle häufig die Friedens- und Kontextexpertise. Friedensfachkräfte und konfliktbetroffene Gemeinschaften müssen von Anfang an in die Gestaltung von Technologien für den Frieden eingebunden werden.

„Moderne Technologien haben Konflikte grundlegend verändert. Sie können sie verschärfen, etwa durch Desinformation, Deepfakes, Cyberangriffe oder autonome Waffensysteme. Sie können aber auch zu ihrer Verhinderung und Lösung beitragen“, meint Holzinger, die unter dem Begriff PeaceTech den Einsatz von Technologien zur Friedensförderung zusammenfasst  – von leicht zugänglichen Mitteln wie Mobiltelefonen und Messaging-Apps bis zu komplexen Anwendungen wie Satellitenbildern, Frühwarnsystemen und künstlicher Intelligenz.

Zugleich benennt Holzinger aber auch klare Risiken: „Datenlücken und mangelndes Kontextverständnis können zu fehlerhaften Analysen führen, Datenschutz- und Überwachungsrisiken können Menschen gefährden, und Technologien sind nicht neutral“, meint sie. Eine 2025 gemeinsam mit dem AIT durchgeführte globale Studie mit mehr als 200 Friedensfachkräften bestätige diese Ambivalenz: 86 % nutzen Technologien in hohem bis sehr hohem Ausmaß und 95 % sehen großes Potenzial – zugleich besteht nur geringes Vertrauen in jene, die PeaceTech entwickeln.

Demokratie bilden – in der Alltagswelt verankern

„Demokratie ist kein Endzustand, sie ist immer auf Beteiligung angewiesen. Um demokratisch zu urteilen und dabei auch den Dissens als Teil von demokratischen Aushandlungsprozessen zu begreifen, ist es entscheidend, Demokratiebildung in der Alltagswelt der Bürger:innen zu verankern." Um diese Doppelfunktion von Demokratiebildung ging es im letzten Vortrag von Sarah Straub, Politikwissenschafterin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Demokratiezentrum Wien sowie im Arbeitsbereich Didaktik der Politischen Bildung am Zentrum für Lehrer:innenbildung der Universität Wien. Denn Demokratiebildung vermittle nicht nur Wissen über Institutionen und Wahlsysteme, sondern befähige dazu, demokratisch zu handeln, Konflikte und Dissens auszuhalten und Verantwortung zu übernehmen. Dafür brauche es Grundlagenforschung, Professionalisierung und die Verankerung der politischen Bildung in den Sozialwissenschaften – sowie Empathie und relationales Lernen als Grundlage für eine inklusivere Gesellschaft.

Zugleich stehe die Demokratie heute massiv unter Druck – durch Polarisierung, Vertrauensverlust in Institutionen und den Wandel der Meinungsbildung in digitalen Räumen. Straub ortete strukturelle Defizite, etwa die fehlende flächendeckende Verankerung politischer Bildung in der Lehrpersonenbildung in Österreich. Sie plädierte daher für Professuren für Demokratiebildung, verpflichtende Angebote in allen Lehramtsstudien, ein österreichweites Monitoring und die Teilnahme an internationalen Studien wie International Civic and Citizenship Education Study (ICCS).

Wie Forschung praktisch wirksam sein kann, zeige das Horizon-Europe-Projekt TaCT-FoRSED, an dem Straub selbst beteiligt ist. „Es untersucht, wie demokratische Identität und Selbstwirksamkeit Resilienz gegenüber Verschwörungserzählungen und Polarisierung stärken – und daraus frei zugängliche Lehr- und Lernmaterialien sowie Handlungsempfehlungen entwickelt.“

Empathie als wichtige Voraussetzung für Frieden und Konfliktlösung.

In der abschließenden Diskussion warf eine Zuhörerin aus dem Publikum eine zentrale Frage auf: Welche Rolle spielt Empathie bei der Sicherung von Frieden und der Lösung globaler Konflikte? Holzinger vom ACP antwortete darauf mit einem klaren Bekenntnis: Mit Zahlen über Kriege, Opfer und Migrationsbewegungen allein reichten nicht, um zu verstehen, was Krieg wirklich bedeutet. Technologie könne helfen dabei helfen, nachzuvollziehen, was es heißt,  wenn Menschen ihr gesamtes Hab und Gut oder noch mehr verlieren. „Es ist ein Privileg, dass wir in einer friedlichen demokratischen Gesellschaft leben dürfen" – und dieses Bewusstsein, so Holzinger, sei keine Selbstverständlichkeit.

Sarah Straub vom Demokratiezentrum ergänzte: Demokratiebildung funktioniere nur dort nachhaltig, wo Menschen nicht nur informiert, sondern emotional einbezogen werden – durch relationales Lernen, durch das Aushalten von Konflikten und Dissens, durch das Erfahren von Selbstwirksamkeit. Carmen Sippl von der PH St. Pölten schloss den Kreis: „Wer sich verschiedene Zukünfte vorstellen kann, wer die Zukunft des anderen mitdenkt, entwickelt Empathie – und Empathie ist die Voraussetzung dafür, dass aus Ohnmacht Handlungsmacht wird.“

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