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„30 statt 77 Hochschulen in Österreich sind genug“

Was sich Georg Winckler, der ehemalige Rektor der Universität Wien, vom Reformprozess der Hochschulstrategie 2040 erwartet und was das insbesondere mit dem Themenschwerpunkt „Kooperation & Arbeitsteilung“ zu tun hat.

Porträt Georg Winckler
Foto: Privat

Georg Winckler hat schon unzählige Reformprozesse im Hochschulbereich miterlebt. Der ehemalige, langjährige Rektor der Universität Wien (1999-2011) erinnert sich noch gut an die unzähligen Diskussionen, die insbesondere die Einführung der wichtigen Universitätsgesetze (das Universitäts-Organisationsgesetz (UOG) aus dem Jahr 1993 sowie das Universitätsgesetz (UG) aus 2002) mit sich brachten. Winckler saß aber etwa auch in der fünfköpfigen Evaluierungskommission, die 2009 die kurz zuvor durchgeführte dänische Hochschulreform überprüfte. Damals fusionierten in Dänemark die staatlichen zwölf Universitäten und 13 Forschungseinrichtungen zu acht Universitäten und drei Forschungseinrichtungen. Mit Erfolg, wie nicht nur Winckler sagt, sondern auch Studien belegen.

Deshalb ist es kein Wunder, dass Winckler auch in Österreich Hochschulkonsolidierungen im größeren Stil empfiehlt. In welchem Umfang und wie genau, ist in einem Impulspapier nachzulesen, das der Ökonom Jürgen Langer vom Österreichischen Wirtschaftsforschungsinstitut (WIFO) unter seiner Mitwirkung und der des Hochschulforschers Hans Pechar, für den FORWIT, den Österreichischen Rat für Forschung, Wissenschaft, Innovation und Technologie-Entwicklung, verfasst hat.

Im Interview für die zweite Ausgabe des Newsletters zur Hochschulstrategie 2040 zum Themenschwerpunkt „Kooperativ & Arbeitsteilig“ führt Winckler das konkreter aus.

Herr Winckler, als langjähriger, ehemaliger Rektor der Universität Wien: Wie schätzen Sie die Erfolgschancen für die Hochschulstrategie 2040 ein? Es ist ja nicht Ihr erster Reformprozess?

Das ist schwer abzuschätzen. Denn dieser Strategieprozess ist sehr breit angelegt, meiner Ansicht nach sogar zu breit, sodass er ausufern könnte. Deshalb hielte ich es für besser, wenn sich die geplanten Arbeitsgruppen auf zentrale Punkte konzentrierten. Für mich steht die Frage im Vordergrund, wie man institutionalisierte Kooperationen und Fusionen von Hochschulen vorantreiben kann. Nicht Mitteleinsparungen sollten dabei das Ziel sein, sondern die Hebung der Effektivität und die internationale Sichtbarkeit der Hochschulen. Derzeit ist die österreichische Hochschullandschaft aus meiner Sicht viel zu fragmentiert.

Sind 77 Hochschulen für ein kleines Land wie Österreich also zu viele?

Das würde ich bejahen. Das hat Jürgen Janger unter Mitwirkung von Hans Pechar und mir in unserem gemeinsamen Impulspapier für den FORWIT ja auch dargestellt. Dabei geht es uns nicht darum, die Diversität der Sektoren, also der öffentlichen Universitäten, Fachhochschulen und Privathochschulen, aufzuheben. Diese Diversität hat sich durchaus bewährt. Problematisch ist vielmehr die Zersplitterung des österreichischen Hochschulwesens, vor allem getrieben durch regionalpolitische Interessen. Heute will jedes Bundesland seine eigenen Hochschulen, Niederösterreich offenbar besonders viele.

30 statt 77 Hochschulen sind in Österreich aus meiner Sicht daher genug, also zehn bis zwölf öffentliche Universitäten anstatt derzeit 23, dann vielleicht auch ähnlich viele Fachhochschulen. Über die Eingliederung der Pädagogischen Hochschulen in die Unis wird sowieso derzeit bereits diskutiert. Und bei den Privatuniversitäten und Privathochschulen vermisse ich die ehrliche Diskussion, wie viele von den derzeit 19 Institutionen als echte private Einrichtungen anzusehen sind. Hinter ihnen stehen wiederum die Bundesländer oder Kammern, also erneut die öffentliche Hand.

In ihrem Papier schlagen Sie vor, die drei Medizinischen Universitäten Wien, Graz, Innsbruck so wie vor 2004 wieder in die jeweiligen Volluniversitäten zu intergieren. Wie soll das funktionieren?

Ich muss vorausschicken, dass ich Mitglied der dänischen Evaluierungskommission war. Das war ein fünfköpfiges Gremium und wir sollten damals beurteilen, wie sich die Fusion der zwölf damaligen Universitäten in Dänemark ausgewirkt hatte. Damals ist man so vorgegangen, dass man erst eine kritische Größe definiert und dann überlegt hat, welche Institutionen sich wo und wie am besten zusammenschließen. Das Entscheidende war, dass das damals ein freiwilliger Prozess war, es aber aufgrund der Finanzkrise 2008/09 den entsprechenden politischen und finanziellen Druck von außen gab. Dazu hat man generell finanzielle Anreize geschaffen, was wir in unserem Papier „Fusionsprämie“ nennen, sprich: die Forschungsförderung für kooperierende Einrichtungen zu erhöhen oder generell festzulegen, dass zusätzliche budgetäre Mittel in erster Linie über Leistungsvereinbarungen dorthin fließen, wo erfolgversprechend fusioniert wurde. Überdies konnten die Einrichtungen über jene Mittel, die sie durch Zusammenlegungen einsparten, auch eigenständig verfügen. Entscheidend für den Erfolg der Uni-Fusionen in Dänemark war, dass nicht nur Universitäten miteinander fusionierten, sondern auch außeruniversitäre Forschungseinrichtungen einbezogen wurden. Dies hat man dann vor allem in den internationalen Rankings ablesen können. Deshalb schlagen wir in unserem Papier auch die Integration von ÖÖAWInstituten und COMET-Zentren in Universitäten vor.

Noch wichtiger ist aber die Fusion von Medizinischen Universitäten in die Volluniversitäten, die unter der Perspektive – kritische Größe, internationale Sichtbarkeit, Stärkung in Lehre und Forschung – zu beurteilen ist. Allenfalls kann auch eine verstärkte institutionelle Kooperation genügen.

Kosten Hochschulfusionen zumindest kurz- bis mittelfristig mehr Geld?

Wenn Sie Geld einsparen wollen, sollten Sie nicht auf Hochschulfusionen setzen. Das sollte nicht die Hauptmotivation sein, sondern, um die Forschung zu stärken, die Effektivität zu heben und vor allem, um in internationalen Rankings sichtbarer zu sein.

Die Stärkung der internationalen Sichtbarkeit halte ich für die ganz zentrale Frage bei Fusionen. Schauen Sie nach Frankreich, wo die Université Paris Cité erheblich in den internationalen Rankings aufgestiegen ist. Das wirkt sich auf die Berufung von Professuren, auf die Einwerbung von Forschungsmitteln, aber auch auf die Rekrutierung guter internationaler Studierender aus. Wenn ich das auf Österreich umlege, sage ich schon: der Grazer Raum würde erheblich gewinnen, wenn alle Grazer Universitäten inklusive der Montanuniversität Leoben deutlich näher zusammenrücken bzw. gar fusionieren.

Wie würden Sie eine kritische Größe einer Hochschule definieren, um international erfolgreich zu sein?

Das lässt sich sicher nicht allgemein sagen. Vor 20 Jahren hieß es in den USA: eine Universität hat nur dann eine kritische Größe, wenn sie 1.000 Professor:innen und ein Budget von mindestens einer Mrd. Dollar aufweist.Aber wenn Sie das Beispiel Dänemark hernehmen, so hat es in der Hauptstadt Kopenhagen vergleichsweise wenige Fusionen gegeben, aber außerhalb, zum Beispiel am Standort Aarhus wurde alles fusioniert: die pädagogische Hochschule, die Wirtschaftshochschule. Heute spielt die fusionierte Universität Aarhus in der Liga der Top-100 Universitäten der Welt. Das Überraschende für uns war, dass dadurch vor allem die Graduiertenausbildung gewonnen hat, weil so Master- und Doktoratsprogramme deutlich vergrößert und professionalisiert wurden. Dänemark hat eine relativ hohe Doktorats-Studienplatzfinanzierung. Und wir haben auch gesehen: den Studierenden ist es gleichgültig, ob sie an dieser oder jener Hochschule studieren. Sie wollen gute Betreuungsverhältnisse, gute Professor: innen und bessere Auswahlmöglichkeiten in Lehre und Forschung entlang interdisziplinärer Ausrichtungen.

*aktuell erfüllt keine österreichische Universität diese Voraussetzung. Die Universität Wien verzeichnete als größte Universität des Landes 2024/25 825 Professuren und Äquivalente und Umsatzerlöse in Höhe von 850 Mio. Euro.

Was halten Sie davon, Universitäten und Fachhochschulen zusammenzulegen? Sollte es 2040 noch diese Unterscheidung in grundlagenorientierte und berufsbezogene, angewandte Ausbildung und Forschung überhaupt noch geben?

Ich glaube, die Fachhochschulen haben durchaus ihre Existenzberechtigung auch im Jahr 2040. Regionen brauchen Fachkräfte. Die Zahl der Fachhochschulen ist in den letzten 20 Jahren ja konstant geblieben. Allerdings hat es im Privathochschulsektor aus meiner Sicht einen Wildwuchs gegeben. Dabei gibt es durchaus Privatuniversitäten, die ihre Existenzberechtigung haben, aber die sind in der Minderheit. Die Central European University zähle ich jedenfalls dazu, weil sie Größe und akademische Qualität aufweist. Aber darüber hinaus fallen mir nicht mehr viele ein.

Was halten Sie von den European University-Allianzen?

Ich bin für alles, was den europäischen Hochschul- und Forschungsraum stärkt. Die europäische Integration hat gerade im Hinblick auf Kooperation und Zusammenarbeit viel bewirkt. Die ERC-Grants (die European Research Council-Grants) haben sich wahrlich zum europäischen Goldstandard entwickelt. Ich bin auch ein großer Freund von Erasmus+, das viel zu Studierendenmobilität beigetragen hat. Zu den Allianzen kann ich nicht viel sagen, das habe ich nicht mehr wirklich verfolgt. Was bei europäischen Kooperationen immer herausfordernd ist, ist die Bürokratie. Vielen fehlen auch klare Strukturen. Und das macht sie langfristig schwerfällig. Ich glaube, für den Hochschulbereich gilt, was sich im Banken- und Versicherungswesen in Österreich bewährt hat: Durch Fusionen seit den 1990er Jahren gibt es dort eine zentrale strategische Führung und klare Strukturen, durch die eine europäische Reichweite erzielt wurde.

Gibt es sonst noch etwas, was Sie der Arbeitsgruppe „Kooperativ & Arbeitsteilig“ mitgeben wollen?

Sich trauen, ergebnisoffen und ehrlich diskutieren. Und nehmen Sie keine Rücksicht auf Partikularinteressen. Ziel muss sein, dass Bund und Länder angesichts des Konsolidierungskurses gemeinsam im Hochschulbereich effektivere Strukturen schaffen. Dazu zählt auch die ehrliche Debatte, welche Fächer und Studien an welchen Standorten von wem angeboten werden sollen und welche nicht. Und wo welche Forschungsschwerpunkte gefördert werden sollen. Dabei darf es auch von Bundesland zu Bundesland große Unterschiede geben. Nicht jedes Bundesland muss eine medizinische Hochschule haben. Vielleicht wird man das nur über den Finanzausgleich künftig besser regeln können.

Alexandra Parragh, BMFWF

Zur Person Georg Winckler:

Georg Winckler hat an der Universität Princeton und an der Universität Wien sein Volkswirtschaftsstudium absolviert. Ab 1978 war er ordentlicher Professor für Volkswirtschaftstheorie und Volkswirtschaftspolitik an der Universität Wien. Von 1999 bis 2011 war er Rektor der Universität Wien, von 2000 bis 2005 zusätzlich Vorsitzender der Österreichischen Rektorenkonferenz (der heutigen Österreichischen Universitätenkonferenz), 2005 bis 2009 Präsident der European University Association (EUA) und von 2004 bis 2012 Mitglied des European Research Area Boards.  Von 2011 bis 2019 war Winckler Präsident und Vorsitzender des Aufsichtsrates und Präsident der Erste Stiftung. Von 2013 bis 2023 saß er im Universitätsrat der Universität Wien, seit 2020 ist er Vizepräsident der Ludwig Boltzmann Gesellschaft (LBG).

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