„Smart Specialisation statt Eintopf“
Robert-Jan Smits ist einer der vier internationalen Expert:innen des Sounding Boards, das die Hochschulanalyse des FORWIT begleitet hat. Wie er die Ergebnisse interpretiert und welche Empfehlungen er hat, damit Österreichs Hochschulen 2040 internationaler und sichtbarer werden.
Er ist einer der vier namhaften Expert:innen, die der FORWIT, der Rat für Forschung, Wissenschaft, Innovation und Technologieentwicklung, in das Sounding Board geholt hat, das seine Hochschulanalyse begleitet hat. Und das nicht ohne Grund.
Robert-Jan Smits kennt sich mit Wissenschafts- und Forschungssystemen in Europa bestens aus. Von 2010 bis 2018 war er Generaldirektor für Forschung und Innovation der Europäischen Kommission und konzipierte in dieser Funktion das europäische Forschungsrahmenprogramm Horizon 2020 und das Nachfolgeprogramm Horizon Europe maßgeblich mit und arbeitete aktiv an zahlreichen Science Policy Reviews verschiedener EU-Mitgliedstaaten mit.
Damit aber nicht genug. Von Mai 2019 bis März 2025 war Smits Präsident des Executive Boards der TU Eindhoven (TU/e) und intensivierte die Zusammenarbeit mit der Brainport High-Tech-Industrie, quasi dem „niederländischen Silicon Valley“. Damit einher ging ein starker Fokus auf die Ausbildung der entsprechenden Absolvent:innen in Elektrotechnik, Maschinenbau, Angewandter Physik, Mathematik und Informatik, insbesondere durch „Challenge-Based Learning“, also dem problem- und lösungsorientierten Lernen.
Angesichts dieser Expertise darf man es wohl als großes Kompliment werten, wenn Smits meint: „Ich finde es sehr gut, dass Österreich an einer umfassenden Hochschulstrategie 2040 arbeitet und Wissenschaftsministerin Eva-Maria Holzleitner diesen Schwerpunkt setzt, gerade auch in Hinblick auf die geopolitische Lage, die gesellschaftliche Transformation und den enormen Impact von Künstlicher Intelligenz. Der Draghi Report hat gezeigt, dass es an Hochschulen in Europa an drei Dingen fehlt, um wirklich wettbewerbsfähig zu sein: Erstens gibt es zu wenig Exzellenz, zweitens zu wenige Absolvent:innen in STEM, also in den MINT-Fächern und drittens zu wenig Wissenstransfer in Richtung Industrie. Das trifft – wie die FORWIT-Analyse zeigt – auch auf Österreich zu. Dabei hat Österreich einen guten Ausgangspunkt, denn es investiert im europäischen Vergleich viel in Wissenschaft, Forschung und Innovation und es gibt auch Bereiche, in denen Österreich wirklich Spitze ist. Trotzdem sehe ich systemische Probleme, wie man sie anderswo in Europa auch sieht.“
Welche das sind, kann man in dem Brief nachlesen, den Smits und die anderen Sounding-Board-Mitglieder an Wissenschaftsministerin Holzleitner geschrieben haben. Darin empfehlen sie, die Hochschulstrategie solle vor allem an drei Stellschrauben ansetzen:
- Die fehlende Unterscheidbarkeit der Hochschulsektoren, insbesondere der öffentlichen Universitäten und der Fachhochschulen, obwohl sie theoretisch klar unterscheidbare Aufgabenbereiche haben.
- Damit verbunden die Sicherstellung, dass jede:r Studierende:r am richtigen Ort studiert, also kontextbezogene Auswahl- und Zulassungsverfahren an allen Hochschulen sowie der Ausbau der Fachhochschulen
- Forschung sollte dort passieren, wo man sie braucht: in der Gesellschaft und in der Wirtschaft. Damit einher geht eine Reduzierung der Globalmittel und die gleichzeitige Aufstockung der wettbewerbsorientierten Mittel, wie sie beispielsweise der Wissenschaftsfonds FWF vergibt.
„Wer Exzellenz fördern will, muss weg von der Gießkanne.“
In Smits Worten klingt das dann beispielsweise so: „Ich war ehrlich überrascht, dass ein kleines Land wie Österreich – mit der Hälfte der Einwohnerzahl der Niederlande – doppelt so viele Universitäten hat. Daher braucht es Smart Specialisation, also die strategische Festlegung, welche Universitäten in Österreich und in Europa zur Weltspitze aufsteigen können. Dabei muss man weg von der Gießkanne, wenn man wirklich Exzellenz fördern will. Universitäten müssen sich wirklich spezialisieren, auf das, was sie gut können. Und dafür sollte es dann auch entsprechend mehr Geld geben."
Beim Thema Wissenstransfer fordert Smits nicht weniger als einen Kulturwandel. Die Hochschulen müssten sich mehr fragen: Was will die Gesellschaft und was will die Wirtschaft, und dann entsprechend ihre Türen öffnen und nicht umgekehrt, wie das derzeit häufig der Fall sei. Es gehe nicht nur um senden, sondern auch empfangen.
Ein Umdenken brauche es auch bei der Differenzierung der Hochschulsektoren. Smits kritisiert, dass Fachhochschulen immer mehr zu Universitäten werden wollen, etwa, wenn sie einfordern PhD-Programme zu betreiben. Dabei sei es doch positiv, dass sie eine eigene Aufgabe haben – die wissenschaftlich fundierte Berufsausbildung auf Hochschulniveau. Smits: „Versuchen Sie nicht, alles zu einem Eintopf zu vermischen, wie man es in Österreich gerne isst. Das schmeckt vielleicht gut, ist aber nicht nachhaltig für die Zukunft des Landes.“
„Hochschulfusionen sind schwer durchsetzbar.“
Ähnlich wie Jürgen Janger vom Österreichischen Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) und Altrektor Georg Winckler teilt Smits die Ansicht, dass 77 Hochschulen zu viele für den Hochschulstandort Österreich sind. Er bezweifelt aber, dass Zusammenlegungen, wie sie Janger und Winckler empfehlen in Österreich tatsächlich durchzusetzen sind. Er verweist lieber auf den Weg, den die Niederlande und damit auch er als ehemaliger Präsident des Executive Boards der TU Eindhoven (TU/e) (2019–2025) eingeschlagen haben – den der strategischen Allianzen. Unter seiner Leitung sei die TU/e beispielsweise ganz bewusst eine Kooperation mit der Universität Utrecht eingegangen, einer Volluniversität ohne Technik, aber mit einem starken Schwerpunkt auf Sozialwissenschaften. „Am wichtigsten finde ich, dass jede Hochschule sich selbst fragt, was ist mein USP, also mein Unique Selling Point, um dann gezielte Netzwerke aufzubauen. Das könnte am Ende zu Fusionen führen, ist aber nicht das Ziel.“
„Wieso haben die österreichischen Hochschulen kein eigenes Haus in Brüssel?“
Das allein werde aber nicht reichen, um die Internationalität und Sichtbarkeit der österreichischen Hochschulen nachhaltig zu steigern, dafür brauche Österreich eine echte, umfassende Internationalisierungsstrategie, die diesen Namen verdient. Das Ziel: das gesamte österreichische Hochschulsystem mit allen Playern international zu vernetzen, auf europäischer und auf globaler Ebene. Nur so werde es gelingen, internationale Ausnahmetalente und renommierte Spitzenforscher:innen nach Österreich zu holen. Smits führt als Erfolgsbeispiel „Strategie WIEN 2030 – Wirtschaft und Innovation“ an, mit der die Stadt Wien bis zum Jahr 2030 eine der fünf führenden europäischen Forschungs- und Innovationsmetropolen werden und dabei die Zusammenarbeit zwischen Forschung und Wirtschaft stark intensivieren möchte. „Acht Jahre lang war ich Generaldirektor für Forschung und Innovation in Brüssel. Österreichische Universitäten hatte ich in dieser Zeit praktisch nie in meinem Büro, im Gegensatz zu den vielen aus England, Deutschland, Schweden, Spanien, den Niederlanden. Das sagt etwas. Österreich ist zu wenig sichtbar und zu wenig vernetzt. Ein konkretes Beispiel: In Brüssel gibt es ein gemeinsames Haus der holländischen Universitäten und Fachhochschulen, aber keines der österreichischen Hochschulen. Dabei bedeutet international sichtbar zu sein, sich zu vernetzen, Politik mitzugestalten – das ist Teil einer echten Internationalisierungsstrategie.“ Künftig sei das mit der zu erwartenden Budgetsteigerung der EU-Mittel für Forschung noch bedeutender. „Auch Österreich muss sein, wo die Musik spielt.“
Smits betont aber auch: die Europäische Zusammenarbeit sei wichtiger denn je, insbesondere seit jetzt auch noch die USA kein verlässlicher Partner mehr sei. Europa müsse daher ganz entschieden mehr auf seine Souveränität setzen, insbesondere was Science Clouds, Großgeräte, Forschungsinfrastruktur, aber auch Künstliche Intelligenz betrifft. Deshalb sei er auch froh über den Plan der Europäischen Kommission, das Budget für das kommende Forschungsprogramm Horizon 2028 bis 2034 zu verdoppeln. Smits sieht dabei allerdings ein politisches Problem: „Mehr Brüssel ist genau das, was viele Menschen in Europa gerade nicht wollen. Das sieht man in den Niederlanden, in Österreich oder auch in Deutschland. Das Medikament ‚mehr Europa‘, das man braucht, ist nicht beliebt. Das ist eine der größten Herausforderungen.“
Das sagt Robert-Jan Smits auf die Frage: Wie international und sichtbar sind Hochschulen 2040?
"Wenn wir die Empfehlungen des FORWIT-Berichts wirklich umsetzen: sehr sichtbar – auf europäischer und auf weltweiter Ebene. Ich hoffe, dass Österreichs Hochschulen 2040 und besser noch früher wirklich Toptalente aus der ganzen Welt anziehen und international anerkannt sind."
Das sagt Robert-Jan Smits auf die Frage: Wozu brauchen wir 2040 (noch) Hochschulen?
"Die Universität ist eines der wenigen Systeme, das seit dem Mittelalter besteht und alle Krisen und Kriege überlebt hat. Und ich bin überzeugt, dass das nicht nur 2040, sondern auch in hundert Jahren noch der Fall sein wird. Der Mensch ist ein soziales Wesen, die Universität bietet ihm den Raum, um sich auszuprobieren, neue Perspektiven zu finden. Digitalisierung und Künstliche Intelligenz machen diese soziale Funktion der Universitäten in Zukunft noch wichtiger.
Als ich kurz vor meinem Abgang an der TU/e war, wollte einige Dekane ein neues Auditorium mit 600 Plätzen bauen. Ich habe die Studierenden gefragt: Wollt ihr das auch? Eine Hälfte meinte, große Vorlesungen brauche ich nicht mehr, das mache ich lieber online. Aber die andere Hälfte sagte: Bitte baut das – ich will zusammensitzen mit meinen Kommiliton:innen, diskutieren, Kaffee trinken, über den Vortrag reden. Dieses Element wird es auch in Zukunft brauchen. Auch die Arbeit in Labors wird nicht einfach online ersetzt werden können."
Links
Die FORWIT Hochschulanalyse und der Brief des Soundingboards an BM Holzleitner
Draghi-Report an EU competitivness
„Strategie WIEN 2030 – Wirtschaft und Innovation“
Seite über die AG „International und Sichtbar“