European Universities: Österreichs Chance auf mehr internationale Sichtbarkeit
18 österreichische Hochschulen sind an Europäischen Universitätsallianzen beteiligt – zwei davon in koordinierender Rolle. Das ist eine außergewöhnlich starke Präsenz im europäischen Vergleich. Aber was bringt diese Beteiligung konkret für Internationalisierung, Sichtbarkeit und Profilbildung? Und was müssen Österreich und seine Hochschulen tun, damit das nicht nur so bleibt – sondern sich verstärkt? Eine neue Studie der European University Association (EUA) liefert die Antworten. Wir haben Co-Autor Thomas Estermann dazu befragt.
Chinas Hochschulen holen rasant auf, die USA, lange der Magnet für internationale Spitzenforschung, scheint plötzlich kein verlässlicher Partner mehr zu sein. Und die EU? Sie hat starke Einzelinstitutionen, ein einzigartiges Finanzierungssystem und – seit 2019 – ein Instrument, das neue Möglichkeiten eröffnet: die Europäische Universities Initiative (EUIN).
So sieht es zumindest Thomas Estermann, Direktor für Governance und Finanzierung bei der European University Association (EUA) und Co-Autor jener aktuellen Erhebung, die die finanzielle Nachhaltigkeit dieser insgesamt 65 European Universities-Allianzen (und acht weiterer Seals-of-Excellence-Konsortien) unter die Lupe genommen hat. Über 570 Hochschulen aus 35 Ländern arbeiten in diesen Allianzen zusammen, ergänzt von mehr als 2.200 assoziierten Partner:innen aus Wirtschaft, Kommunen und Zivilgesellschaft. Österreich ist mit 18 beteiligten Hochschulen überproportional stark vertreten, zwei Allianzen – EURECA-PRO der Montanuniversität Leoben (MUL) und E³UDRES² von der FH St. Pölten (USTP) – werden von österreichischen Hochschulen koordiniert.
Was Allianzen konkret bringen – und für wen
„Die entscheidende Frage ist nicht, ob Allianzen etwas bringen, die Frage ist: Was bringen sie wem?“, betont Estermann. Dies sei je nach Hochschule sehr unterschiedlich, weil sich ja auch die Allianzen selbst sehr unterscheiden – das sei aber wesentliches Merkmal der EUIN als Kooperationsinstrument. Entscheidend sei vielmehr, was der „Added Value“ für die einzelne Institution konkret ausmache, der ein langfristiges Engagement und damit auch langfristige Investitionen auf Dauer rechtfertige.
Estermann: „Gerade für kleinere Universitäten und Fachhochschulen ist es sehr, sehr interessant, auch in so Allianzen dabei zu sein – weil die halt Zugang zu Netzwerken haben, die sie sonst womöglich nicht hätten. Das verbindet das regionale Element mit dem Europäischen und internationalen.“
Das bestätigt auch der Report on the Outcomes and Transformational Potential of the European Universities Initiative, den die EU-Kommission 2025 veröffentlicht hat. Demnach haben 95 Prozent der befragten Allianzen nationale oder regionale Förderung mobilisiert – ein Zeichen, dass Mitgliedstaaten den institutionellen Mehrwert erkennen und zunehmend bereit sind, ihn zu unterstützen. Auch Österreich ist diesbezüglich keine Ausnahme, die über die aktuellen Leistungsvereinbarungen für die beteiligten Universitäten Mittel bereitstellt. Für die Fachhochschulen stellt das BMFWF über die aktuelle Sondermittelausschreibung 14 Mio. Euro insbesondere zur Stärkung von Kooperationen und damit auch für das Engagement in European Universities Allianzen bereit.
Gerade die FH St. Pölten (USTP) zeigt, wie internationale Wettbewerbsfähigkeit und Sichtbarkeit gerade für kleinere Hochschulen gestärkt werden kann. Ihre Allianz E³UDRES² verbindet Hochschulen, die alle in eher peripheren Regionen liegen – und hat daraus ein klares, nach außen erkennbares Profil gemacht. Der geplante Europacampus Hainburg, ein grenzüberschreitendes Bildungs- und Forschungszentrum mit Fokus auf grüne Technologien und künstliche Intelligenz (Eröffnung Sommer 2028), ist das sichtbarste Ergebnis dieser Strategie.
Das größte Missverständnis: Was die Allianzen wirklich kosten
Um diesen Mehrwert langfristig zu sichern, müssen Hochschulen zunächst verstehen, was Allianzbeteiligung wirklich kostet. Und hier liegt für Estermann das größte Missverständnis: Die EU-Förderung sei eine wichtige Anschubfinanzierung, decke aber niemals die wahren Kosten ab. Angesichts von Beträgen von 300.000 (große Allianzen) oder 400.000 Euro, die jede Hochschule für vier Jahre für ihre Beteiligung erhält, spricht Estermann von der EU-Förderung als der „Cherry on the Cake“.
Dabei gehe es vor allem um nichtfinanzielle Aufwendungen, also Personalzeit von akademischem und administrativem Personal, Führungszeit, IT-Infrastruktur, Anpassungen in Rechts- und Qualitätssicherungsabteilungen, Mobilitätskosten, die üblicherweise in keiner Projektabrechnung auftauchen. Die EUA-Studie bestätigt das empirisch: 55 Prozent der befragten Institutionen geben an, dass ihre Finanzierungsquellen die Kosten der Allianzbeteiligung nicht vollständig decken und dass das weit mehr ausmache als die 20-prozentige Co-Finanzierung, zu denen die beteiligten Partnerinstitutionen verpflichtet seien.
Der EU-Kommissionsbericht 2025 schärft dieses Bild weiter: 80 Prozent der befragten Allianzen haben eigene Selbstfinanzierungsmechanismen eingerichtet oder befinden sich gerade dabei – weil die Projektförderung die strukturellen Grundkosten schlicht nicht abdeckt. Die institutionellen Eigenbeiträge liegen in vielen Fällen deutlich höher als die Summe aus EU-Förderung und gezielter nationaler Unterstützung zusammen. Kurz gesagt: Die Allianzen sind längst zu einem Großteil eine Eigenleistung der Hochschulen – und das sollte sich in der strategischen Planung widerspiegeln.
Profilschärfung: Was Österreich jetzt tun muss
65 Allianzen, das sind viele. Und je mehr es werden, desto schwieriger wird es, von außen zu erkennen, was eine Allianz von der nächsten unterscheidet. „Genau diese Alleinstellungsmerkmale sind es aber, die für die internationale Sichtbarkeit entscheidend sind. Ich rechne daher damit, dass es Allianzen ohne klar erkennbares Profil in der nächsten Finanzierungsphase 2028 bis 2034 schwer haben werden“, so Estermann.
Er schließt daher Fusionen gleichartiger, überlappender Allianzen, Verkleinerung auf intensivere Kernpartnerschaften, thematische Fokussierung nicht aus. Estermann glaubt auch, dass sich die Europäische Kommission in Zukunft entscheiden werde müssen, was sie mit der EUIN erreichen möchte – die Förderung von Exzellenz durch europäische Leuchttürme, wie es der ursprünglichen Idee der European Universities entsprach, oder, so wie es derzeit der Fall sei, der Förderung von Inklusion, Vielfalt und Kooperation. „Beides gleichzeitig zu haben, geht sich wahrscheinlich nicht aus“, meint EUA-Direktor Estermann.
Ebenso entscheidend für die nachhaltige internationale Sichtbarkeit sei richtige Governance innerhalb der Hochschulen und auf Systemebene. „Die entscheidende Frage, die sich Hochschulen stellen müssen, lautet, wie werden die vielen parallelen Partnerschaftsformate einer Hochschule – EU-Allianzen, regionale Kooperationen, bilaterale Abkommen – intern zusammengeführt? Das ist eine zentrale Führungsaufgabe, Partnerschaften müssen daher als gesamtinstitutionelle Strategie gedacht und vorangetrieben werden, nicht als Inselprojekte“, ist EUA-Direktor Estermann überzeugt.
Aber nicht nur auf Institutionenebene, auch auf Systemebene sieht Estermann klaren Handlungsbedarf. Ein EU-Mitgliedstaat, dem die Allianzen strategisch wichtig seien, müsse auch bereit sein, gezielt mehr dafür zu investieren. Die Förderagenturen OeAD, FFG und FWF seien dabei durchaus relevante Akteur:innen, aber es brauche mehr, ein echtes Finanzierungsmodell, das Kooperation und Zusammenarbeit gezielt fördere.
Europäische Stärken gezielt nutzen
Die Frage nach Profilbildung und internationaler Sichtbarkeit stellt sich aber nicht nur für einzelne Hochschulen, sondern für Europa als Ganzes. Estermann sieht hier klare Ansatzpunkte – und ein konkretes Risiko. Das europäische Forschungsrahmenprogramm sei eines der größten Forschungsfinanzierungsinstrumente über unterschiedliche Systeme hinweg, sagt er: „Das gibt es woanders in dieser Form nicht.“ Genauso Erasmus+. Diese Instrumente müssten strategisch genutzt werden – und nicht nur als Fördertopf.
Ein Risiko sieht Estermann im politischen Fokuswechsel: Der Schwerpunkt in Europa habe sich vom Nachhaltigkeitsthema zur Wettbewerbsfähigkeit verschoben. Das sei verständlich, aber kurzsichtig. Sein Plädoyer: gerade dort investieren, wo andere gerade nicht mehr investieren. Wenn Europa beim Thema Nachhaltigkeit eine Vorreiterrolle gehabt habe – und andere setzten da jetzt nicht mehr so stark drauf – dann sei das umso mehr Grund für Europa, es zu tun.
Akademische Freiheit als Standortvorteil
Eines der europäischen Alleinstellungsmerkmale, das Estermann besonders betont, ist die akademische Freiheit – und er tut das mit bemerkenswerter Dringlichkeit. Sie gerate auch in Systemen unter Druck, in denen sie lange als selbstverständlich galt, wie der Blick auf die USA gerade deutlich zeige. „Akademische Freiheit ist ein Anknüpfungspunkt, wo man sagen kann: Hier könnten wir in der Pole Position sein. Aber man muss dann die entsprechenden Rahmenbedingungen schaffen“, sagt Estermann.
Rahmenbedingungen meint dabei mehr als rechtliche Garantien, also ein Umfeld, in dem internationale Spitzenforschende nicht nur wegen des Gehalts kommen, sondern wegen der Qualität in der Forschung und ihres Umfeldes, der Infrastruktur und der Freiheit zu forschen.
Der EU-Kommissionsbericht 2025 unterstreicht diesen Aspekt mit Blick auf Österreich: Das Land zählt zu jenen EU-Mitgliedstaaten, die die Bologna-Reformen konsequent umgesetzt haben und damit ein besonders förderliches Umfeld für tiefe europäische Hochschulkooperation bieten. Akademische Freiheit, institutionelle Autonomie und ein stabiles öffentliches Finanzierungssystem seien genau die Voraussetzungen, die Hochschulallianzen langfristig tragfähig machen.
Österreich 2040: Aus Stärke gestalten
Deshalb komme die Hochschulstrategie 2040, die das BMFWF derzeit unter breiter Einbindung aller Stakeholder erarbeiten lässt, für Estermann daher zum richtigen Zeitpunkt. Er bewertet auch den gewählten Ansatz ausdrücklich positiv: langfristig, inklusiv, prozessoffen. Den Blick 15 bis 20 Jahre nach vorne zu richten sei keine Utopie, sondern strategische Notwendigkeit. Gleichzeitig mahnt er, dass Institutionen die Autonomie behalten müssen, um die gemeinsame Strategie in ihrer eigenen Logik umzusetzen. „Bei der Vision wird man sich sehr schnell nahe kommen. Spannend wird es bei der Umsetzung, wenn es ans Eingemachte geht.“
Zur Person: Thomas Estermann ist Direktor für Governance, Funding and Public Policy Development bei der European University Association (EUA) in Brüssel. Er ist Co-Autor der Studie „Strategies for the Financial Sustainability of European Universities Alliances“ (2025) sowie des EUA Autonomy Scorecard.
Links
- Hauptseite AG „International & Sichtbar“
- Hauptseite Hochschulstrategie 2040
- EUA-Studie: Strategies for the Financial Sustainability of European Universities Alliances (2025)
- Report on the outcomes and transformational potential of the European Universities initiative (EU-Kommission, 2025)
- Die „European Universities“-Initiative – BMFWF