Nicolas Schlitz, Universität Graz: „Als Wissenschafter mit Kind musst du ein echter Überflieger sein.“
Am 19. April endet die wissenschaftliche Karriere von Nicolas Schlitz. Zumindest im Hauptberuf wird der studierte Politikwissenschafter mit einem Abschluss in Politikwissenschaft und Internationaler Entwicklung und einem Doktor in Geografie dann nicht mehr als Nachwuchsforscher an der Universität Graz arbeiten. Stattdessen wird der passionierte Müllforscher im Herbst als Quereinsteiger an einer Mittelschule oder AHS in Wien Geografie und Geschichte zu unterrichten beginnen. „Mittlerweile freue ich mich wirklich darauf, als Lehrer durchzustarten. Ein paar Testläufe in Schulklassen hatte ich ja schon. Aber es war ein schwieriger Weg bis dahin, vor allem emotional“, erzählt Schlitz.
Bis heute sei Schlitz mit Leib und Seele Wissenschafter. Als Vater eines zweijährigen Sohnes mit einer Partnerin, die ebenfalls in der Wissenschaft tätig ist, sei es ihm aber nicht länger möglich, sich von einer befristeten Stelle zur nächsten zu hanteln. „Das ist schon als Alleinstehender nicht leicht, aber mit Familie musst du ein echter Überflieger sein. Sonst schaffst du dein Arbeitspensum als Postdoc nicht, das häufig bei 50 oder 60 Stunden liegt“, so Schlitz.
Er zählt nicht zu jenen, die schon immer Wissenschafter werden wollten. Erst sein Diplomarbeitsbetreuer an der Universität Wien habe ihm ans Herz gelegt, seinen PhD am Institut für Wirtschaftsgeografie an der Universität zu machen. Schlitz gerät ins Schwärmen, wenn er von seiner Zeit in Deutschland erzählt. „Es war einzigartig, ich war in einer extrem guten Forschungsgruppe mit einem extrem angenehmen Arbeitsklima und wirklich herausragender Unterstützung durch meinen Doktorvater. So etwas wie dort habe ich hier in Österreich nicht erlebt – diese Unterstützung durch das ganze Team. Ich bin mir sicher, mein Professor hätte alles in Bewegung gesetzt, mich weiter zu beschäftigen, obwohl ich nicht sein erstes Pferd im Stall war. Aber ich wollte unbedingt zurück nach Österreich, weil meine Freunde, meine Familie, mein Lebensmittelpunkt hier waren. Hätte ich damals gewusst, was auf mich zukommt, wäre ich sicher in Deutschland geblieben“, sagt Schlitz, der damals noch nicht Vater war.
„Als Postdoc fühlst du dich als Mini-Hai im riesigen Haifischbecken.“
Die Zeit danach – den Übergang vom Doktor zum Postdoc – beschreibt Schlitz heute als „mehr als wahnsinnig“. Erstens wegen der kurzen Zeit dazwischen – Schlitz erzählt, er habe im Oktober 2019 an einem Donnerstag in Osnabrück promoviert, um am Dienstag darauf bereits in Graz die erste Vorlesung zu halten. Zweitens, weil die Arbeitsbedingungen in Graz völlig andere als in Osnabrück gewesen seien. „Du bist als Postdoc plötzlich voll auf dich alleingestellt und fühlst dich als Mini-Hai im riesigen Haifischbecken: In dem überlebst du nur, wenn dein Vorgesetzter, von dem alles abhängt, voll hinter dir steht. Das war bei mir nicht der Fall“, erzählt er.
Schlitz betont, er sei kein Einzelfall, wie er nicht nur von seiner Freundin, sondern vor allem von seiner Tätigkeit beim Netzwerk Unterbau Wissenschaft (NUWiss) wisse, das er am Standort Graz mitaufgebaut hat. Das ist jener Verein, der sich 2021 als Protest gegen die Neufassung des § 109 Universitätsgesetz (UG 2002) formierte, der die Dauer von Arbeitsverhältnissen und damit ihre Befristungen regelt. Die Novellierung war notwendig, weil der Europäische Gerichtshof die bisherige Bestimmung als rechtswidrige Kettenvertragsregelung gekippt hatte. Seither gilt für Arbeitsverträge von Universitäten im wissenschaftlichen und künstlerischen Bereich eine Höchstbefristungsdauer von acht Jahren nach maximal zweimaliger Verlängerung bzw. zweimaliger Befristung. Diese Zeitspanne wurde auf die gesamte Lebenszeit ausgeweitet, wobei nur Beschäftigungsverhältnisse an einer bestimmten Universität hinzugezählt werden, nicht die an anderen Universitäten, Hochschulen oder Forschungseinrichtungen. Ebenso unberücksichtigt bleiben Ausbildungszeiten vor Abschluss des Doktoratsstudiums – also etwa die sog. Praedoc-Phase oder auch Tätigkeiten als Studienassistent:in oder Ausbildungszeiten von Ärzt:innen. Die Höchstbefristung von acht Jahren gilt aber auch für Lehrbeauftragte und vor allem für Mitarbeiter:innen, die im Rahmen von Drittmittelprojekten finanziert werden. Darunter fallen vor allem Nachwuchswissenschafter:innen, insbesondere Postdocs wie Schlitz, die daher regelmäßig von Uni zu Uni und von Forschungseinrichtung zu Forschungseinrichtung wechseln müssen.
„Wir sollten Professuren als feudale Überreste einfach abschaffen.“
Schlitz wünscht sich mehr institutionelle Unterstützung von den Universitäten, aber auch vom BMFWF wenn es darum geht, andere berufliche Wege abseits der Professur aufzuzeigen. Er persönlich würde sogar so weit gehen, die Lehrstühle – Schlitz bezeichnet sie als „feudale Überreste“ – und damit die Professuren einfach abzuschaffen und stattdessen nur eine Personalkategorie – die der Wissenschafterin bzw. des Wissenschafters – an Universitäten zuzulassen. „Die kann dann alles sein, der Lektor, ein Senior Scientist, Laborverantwortliche, Wissenschaftsvermittler:innen, Gründer:innen oder eben auch hauptberuflich Forschende. Im Laufe eines Lebensweges nimmt man sowieso verschiedene dieser Aufgaben wahr“, so Schlitz.
Und noch etwas würde Schlitz gern ändern: erzwungene Mobilität, die er gerade für Forschende mit Familien für unzumutbar hält. „Wer Kinder bekommt, braucht finanzielle Sicherheit und Planbarkeit, die die Wissenschaft heute nicht bietet. Das ist der Grund, warum ich jetzt Lehrer werde, weil die in Österreich vergleichsweise gut bezahlt werden und einen sehr sicheren Job haben“, betont Schlitz.
Das rät Nicolas Schlitz Jungwissenschafter:innen von heute:
Ich habe keinen Rat für junge Kolleg:innen, ich kann Ihnen nur ans Herz legen, sich des Risikos bewusst zu sein, dass sie im Laufe ihrer Karriere irgendwann an ein Ende geraten. Außer sie sind echte Überflieger. Aber nur sehr gut zu sein, das reicht dafür nicht.
Das antwortet Nicolas Schlitz auf die Frage: Wie sehen attraktive und perspektivenreiche Karrierewege für Wissenschafter:innen (und Künstler:innen) 2040 aus?
„Wir brauchen einen Kulturwandel, vielleicht sogar mehr als das. Wir brauchen ein System, das Nachwuchswissenschafter:innen unterstützt, motiviert und das auf ein Miteinander und Teamarbeit, nicht auf ein Gegeneinander in Konkurrenz setzt. Wir brauchen eine Vielfalt an Karrierewegen, in denen sich jede:r so entfalten kann, wie es seiner Expertise, seinen Kompetenzen und seiner Begabung entspricht. Wissenschaft lebt von Kreativität, Vielfalt, Wertschätzung und wechselseitiger Unterstützung.“
Das antwortet Nicolas Schlitz auf die Frage: Wozu brauchen wir 2040 (noch) Hochschulen?
„Die Hochschulen haben sich durch ihre Professionalisierung immer weiter von der Gesellschaft entfernt. Ich glaube, dass Wissenschaftsvermittlung, Science Engagement und das, was unter Citizen Science verhandelt wird, mehr in den Fokus der Hochschulen rücken muss. Dazu müssen sie sich öffnen und ehrlich die Frage stellen: Wem und wozu dienen wir in der Gesellschaft?“