Vera Pfanzagl, BOKU University: „Meine Eltern haben mich eindringlich davor gewarnt, in die Wissenschaft zu gehen.“
Vera Pfanzagl hat gewusst, worauf sie sich einlässt. Ihre Eltern, die beide selbst - so wie sie - als Molekularbiolog:innen und Biochemiker:inen in der Forschung tätig sind, hatten sie vor einer wissenschaftlichen Karriere „eindringlich gewarnt“. „Ich habe auch gut mitbekommen, wie sich die ganzen Uni-Reformen in den 2000er Jahren auf meine Eltern, die damals in der späteren Postdoc-Phase waren, ausgewirkt haben und war trotzdem blauäugig. Denn Wissenschaft ist toll. Man sagt sich, dass es schon nicht so schwierig werden wird“, sagt die Enzymologin und Strukturbiologin, die derzeit als Postdoc und Projektleiterin an der BOKU University forscht.
Tatsächlich verliefen die Anfänge von Pfanzagls wissenschaftlicher Karriere bilderbuchmäßig: 2007 bis 2011 Bachelorstudium in Lebensmittel- und Biotechnologie gefolgt vom Masterstudium bis 2014 und dem PhD-Studium bis 2019, alles an der BOKU. Dann will sie als Postdoc ins Ausland gehen. Ein Fahrradunfall und der Ausbruch der Corona-Pandemie hindern Pfanzagl daran. Pfanzagl versucht zweimal, das Herta-Firnberg-Stipendium zu ergattern. Ihr Forschungsgruppenleiter schlägt vor, einen gemeinsamen Projektantrag beim österreichischen Wissenschaftsfonds FWF zu stellen. Pfanzagl stimmt zu und schreibt federführend mit, als Autor scheint aber nur ihr Supervisor auf. Ein Fehler, wie sie heute sagt. „Das hat mir sehr geschadet. Wie willst du im Nachhinein belegen, dass du etwas verfasst hast, wo der eigene Name nicht draufsteht.“
Pfanzagl macht sich zusehends Sorgen, ob sie weiter in ihrem Traumberuf als Wissenschafterin arbeiten kann. Dann wendet sich plötzlich das Blatt: Sie bekommt das prestigeträchtige Elise Richter Stipendium (mittlerweile ein Teil der neuen FWF-ASTRA-Preise), das der FWF an herausragende Frauen in Wissenschaft und Forschung vergibt, die eine Universitätskarriere und somit eine Professur anstreben. Damit hat sie vier Jahre Zeit gewonnen, ihre Gruppe aufzubauen, die sie durch ein zweites FWF-Projekt finanziert.
Wie es danach weitergeht, weiß Pfanzagl heute noch nicht, ebenso wenig, ob sie tatsächlich Uni-Professorin werden will. „Ich finde, den Universitäten fehlt das Bewusstsein, dass nicht jede:r gute Forschende automatisch die ganze Bandbreite an Verantwortung dafür übernehmen will, die mit einer Professur verbunden ist. Es gibt daneben eine Vielzahl anderer Tätigkeiten. Eine Universität braucht mehr als nur Professor:innen und PhDs“, sagt sie.
Es braucht echte Karriereberatungsstellen an den Unis
Dafür sei an den Unis aber echte Karriereberatung nötig, also mehr als die bisherigen Servicestellen an, die laut Pfanzagl in erster Linie über die großen internationalen Förderschienen wie den europäischen ERC informieren würden. Oder auch kleinere Postdoc-Coaching-Gruppen, in denen sich Postdocs untereinander oder mit Mentor:innen austauschen könnten. „Ich würde mir echte Academic Career Beratungsstellen wünschen, die Studierenden, Absolvent:innen und Forschenden wirklich während ihres gesamten Karrierewegs zur Seite stehen. Ich wäre dafür, dass sich dazu am besten mehrere Unis zusammenschließen und alternative Karrierewege und eine größere Bandbreite an Stellen anbieten“, sagt sie.
Außerdem spricht sich Pfanzagl – wie viele Postdocs – für mehr Entfristungen, also mehr unbefristete Stellen für Nachwuchswissenschafter:innen, aus. „Ich verstehe ja, dass die Universitäten nicht jede oder jeden fest anstellen können, aber sie haben auch eine Verantwortung ihren Drittmittelangestellten gegenüber. Wir, die junge Generation, brauchen mehr Chancen. Dafür bräuchte es an den Unis endlich faire Arbeitsbedingungen, eine Ende des Prekariats und eine echte Kündigungskultur, in der fixe Dienstverträge auch wieder aufgelöst werden können, wenn die Leistung längerfristig nicht erbracht wird. Wir müssen uns ja auch ständig beweisen.“
Das rät Vera Pfanzagl Jungwissenschafter:innen von heute:
- Seid selbstbewusst und achtet darauf, dass auf Projekten, bei denen ihr mitschreibt, auch euer Name draufsteht. Vor allem aber bringt frühzeitig eigene Forschungsanträge ein.
- Schaut darauf, möglichst früh selbstständig zu werden, am besten schon, bevor ihr euren PhD abgeschlossen habt. Die Zeit danach ist sehr kurz, in der man plötzlich auf eigenen Füßen stehen muss.
Das antwortet Vera Pfanzagl auf die Frage: Wie sehen attraktive und perspektivenreiche Karrierewege für Wissenschaftler:innen (und Künstler:innen) 2040 aus?
„Ich hoffe, dass bis dahin eine eigene, reguläre Karrierestufe zwischen dem PhD und der Professur geschaffen wird, die die Bandbreite an wissenschaftlichen Karrieren dazwischen wirklich zulässt. Damit einher geht die finanzielle Sicherstellung, indem die Grenze zwischen dem Globalbudget und Drittmitteln durchlässiger wird. Ich bin dafür, eine Art Rucksack einzurichten, wie wir das im Karrieremodel des Netzwerk Unterbau (NuWISS) vorgeschlagen haben. In dem wird immer, wenn eine Person Drittmittel einwirbt, ein kleiner Teil der Gegenfinanzierung der Unis einbehalten und dort einbezahlt. Dieses Geld sollte dann denjenigen als Überbrückungsfinanzierung zur Verfügung stehen, die nicht gleich im Anschluss ein neues Projekt einwerben konnten.“
Das antwortet Vera Pfanzagl auf die Frage: Wozu brauchen wir 2040 (noch) Hochschulen?
„Ich glaube, man braucht Hochschulen als Plattformen, wo neue Ideen entwickelt und frei diskutiert werden können. Dadurch entsteht ein Wissenspool, der der Gesellschaft zugänglich und der nicht in erster Linie ökonomisch gesteuert ist. Hochschulen sind die Orte, an denen man sich mit verschiedenen Themen und Disziplinen auseinandersetzen und so auf neue Ideen kommen kann. Das wird auch 2040 noch so sein.“