Ein Blick hinter die Studierenden-Sozialerhebung – das sagen die Macherinnen
Was macht das österreichische Hochschulsystem offen und gerecht? Was lässt sich dazu aus der Studierenden-Sozialerhebung (SOLA) herauslesen? Das haben wir Anna Dibiasi und Bianca Thaler vom Institut für Höhere Studien (IHS) gefragt, die beide schon bei mehreren Durchgängen der SOLA mitgearbeitet haben. Dibiasi leitet zudem das Team, das die SOLA 2025 und ihre Zusatzberichte erstellt.
Bereits seit 1975 wird die Studierenden-Sozialerhebung (SOLA) in Österreich regelmäßig mit etwa denselben Kernfragen durchgeführt. Keine andere Erhebung bildet daher die Situation der Studierenden nach ihren demografischen, sozialen und wirtschaftlichen Merkmalen und ihre Studien- und Lebensbedingungen so umfangreich und über einen so langen Zeitverlauf ab. Vor kurzem ist die jüngste Ausgabe aus dem Jahr 2025 erschienen, für die sich 36.000 der insgesamt 312.800 ordentlichen Bachelor-, Master- und Diplomstudierenden befragen ließen.
Die Sozialwissenschafterin Anna Dibiasi, die diesjährige Projektverantwortliche und ihre Kollegin, die Hochschulforscherin Bianca Thaler haben schon bei einigen SOLA-Durchgängen mitgearbeitet. „Das Besondere an der SOLA ist sicherlich, dass von Anfang an versucht wurde, ein Gesamtbild der Lebenssituation der Studierenden zu zeichnen: ihre Wohnsituation, ihre finanzielle Situation, ihre familiäre Situation und das zu einem Zeitpunkt, zu dem das in anderen Ländern noch kaum ein Thema war“, betont Dibiasi.
Für Bianca Thaler steht die Kombination aus Umfrage- und Registerdaten im Vordergrund, also etwa das Alter, Geschlecht, die Studienrichtung und die Studiendauer, die die Hochschulen über ihre Studierenden erheben. Das Forschungsteam gewichtet die Umfragedaten auf Basis von zehn bis zwölf Merkmalen aus den Registerdaten, um die Repräsentativität der Umfrage zu erhöhen. „Jede Datenart hat ihre Vor- und Nachteile, deshalb nutzen wir sowohl Register- als auch Umfragedaten um die Vorteile bestmöglich auszuschöpfen. Um die Qualität der Umfrage zu erhalten und zu verbessern, setzen wir unterschiedliche Maßnahmen, zum Beispiel testen wir neue Fragen auch mit Fokusgruppen vorab ab“, sagt Thaler.
Wie misst man soziale Gerechtigkeit beim Hochschulzugang?
Mit der Rekrutierungsquote bzw. dem Wahrscheinlichkeitsfaktor
Der Wahrscheinlichkeitsfaktor misst, um wie viel es wahrscheinlicher ist, dass Kinder mit einem Vater, der Matura hat, ein Studium beginnen im Vergleich zu Kindern mit einem Vater ohne Matura. Der aktuelle Wert liegt über alle öffentlichen Universitäten und Fachhochschulen (bzw. Hochschulen für angewandte Wissenschaften) hinweg bei 2,45. Laut Thaler wäre der Wahrscheinlichkeitsfaktor sogar noch höher, wenn die schichtspezifische Fertilität mitberücksichtigt wird. Das Problem: die Hochschulen selbst haben auf die Rekrutierungsquote wenig Einfluss.
Bianca Thaler: „Die größte Selektion im Bildungssystem passiert schon vor den Hochschulen - im Schulbereich. Das beginnt ab der unteren Sekundarstufe. Das ist auf jeden Fall der größte Hebel, und das sagen wir auch schon seit vielen Jahren.“
Die Rekrutierungsquote bei den FH/HAW ist mit 1,7 deutlich niedriger. Das hat insbesondere mit den berufsbegleitenden Studienangeboten zu tun (Rekrutierungsquote dort 1,4).
Anna Dibiasi: „Die Fachhochschulen spielen eine wichtige Rolle dabei, dass das Hochschulsystem sozial ausgewogener ist. Aber was manchmal untergeht: Die meisten Studierenden studieren an öffentlichen Universitäten – und daher findet sich auch die Mehrheit der berufsbegleitend oder verzögert Studierenden dort.“
Bianca Thaler: „Wir müssen aufpassen, dass wir die soziale Dimension nicht nur über die FHs spielen – das muss für jeden Sektor passen.“
Den First Generation/First Family Students
54 % der inländischen Studienanfänger:innen an öffentlichen Unis und Fachhochschulen sind First-Generation-Students, also die ersten in ihrer Familie, die studieren. An berufsbegleitenden FHs sind es sogar 70 %. Das klingt nach Erfolg, aber der Anteil ist laut den beiden Expert:innen auch deshalb so hoch, weil in Österreich historisch wenig Eltern studiert haben.
Bianca Thaler: „Es ist natürlich schön, dass es an den österreichischen Hochschulen so viele First-in-Family gibt – aber wenn man es im Vergleich zur Bevölkerung setzt, müsste es eigentlich noch viel mehr geben.“
Anna Dibiasi: „Diese Gruppe kann oft nicht auf die Ressourcen im sozialen Umfeld zurückgreifen – weder auf Unterstützung, noch auf Vorbilder, noch auf Vorwissen im schulischen Sinn. Studierende mit niedriger Elternbildung fühlen sich besonders an öffentlichen Universitäten seltener gut in das akademische Umfeld integriert. Oft haben sie andere Lebensrealitäten: Sie sind älter, häufiger erwerbstätig oder betreuen Kinder bzw. Angehörige.“
Die Kombination aus beiden, First Generation Students & Rekrutierungsquote
Bianca Thaler: „Von denen, die es an die Hochschule schaffen, ist es zumindest bei den Erstabschlüssen nicht so, dass jene, deren Eltern nicht studiert haben, schlechtere Abschlussquoten hätten. Aber man muss im Kopf behalten: Jene, deren Eltern nicht studiert haben, sind beim Zugang schon viel stärker selektiert, weil von denen ja nur ein kleinerer Anteil überhaupt das Studium beginnt.“
Die unterschätzte Gruppe mit verzögertem Studieneintritt
24 % der inländischen Studienanfänger:innen kommen verzögert an die Hochschule – sie sind deutlich älter, häufiger männlich, häufiger aus Haushalten in denen die Eltern keine Matura haben. Sie kommen entweder verzögert mit einer klassischen Matura oder über den zweiten Bildungsweg: Studienberechtigungsprüfung, Berufsreifeprüfung, Externist:innenmatura.
Anna Dibiasi: „Das ist aktuell eine sehr wichtige Gruppe für das österreichische Hochschulsystem, weil sie wesentlich dazu beiträgt, dass es sozial ausgewogener ist. Hätten wir diese Gruppe nicht, würde die Situation deutlich schlechter ausschauen.“
Der Hochschulzugang – formal offen, real selektiv?
Immerhin haben aktuell (Wintersemester 2025/26) 88 % der 443 Bachelor- und Masterstudien an öffentlichen Universitäten keinen regulierten Zugang, also kein Aufnahmeverfahren.
Anna Dibiasi: „Im internationalen Vergleich ist der Zugang immer noch relativ offen in Österreich, auch wenn vermehrt Zugangsregeln eingeführt wurden. Nicht nur der Hochschulzugang, sondern auch andere Regelungen prägten die Debatten im österreichischen Hochschulsystem, wie Mindeststudienleistungen, Studieneingangs- und Orientierungsphasen. Ziel sollte nicht nur sein, Leute an die Hochschulen zu bringen, sondern sie auch erfolgreich bis zum Abschluss zu begleiten.“
Studierende aus Drittstaaten
27 % der Studierenden sind Bildungsausländer:innen. Unter ihnen ist die am stärksten finanziell belastete Gruppe, die Bildungsausländer:innen aus Drittstaaten. 55 % von ihnen berichten von starken finanziellen Schwierigkeiten – mehr als jede andere Gruppe. Denn sie haben nur eingeschränkten Zugang zur österreichischen Studienförderung. Durch das Ausländerbeschäftigungsgesetz dürfen sie nur unter bestimmten Voraussetzungen und maximal 20 Wochenstunden erwerbstätig sein. Und sie zahlen den doppelten Studienbeitrag.
Anna Dibiasi: „Studierende aus Drittstaaten sind auch eine Gruppe, die in Österreich über die letzten Sozialerhebungen am stärksten von finanziellen Schwierigkeiten betroffen ist.“
Die Studienförderung
Die Studienbeihilfe in Österreich ist in den vergangenen Jahren stark angestiegen. Lag sie im Studienjahr 2021/22 bei 6.279 Euro, betrug sie 2024/25: 8.211 Euro, also um 30 % mehr. Diese Steigerung lässt sich auf die große Studienbeihilfenreform 2022 zurückführen, die nicht nur eine Erhöhung der Studienbeihilfe von 8,5 % auf 12 % vorsah, sondern auch ein neues Berechnungsmodell (Baukastensystem), das die individuelle Lebenssituation der Beihilfenbezieher:innen stärker berücksichtigt. Zudem gibt es seither spürbare Erleichterungen für ältere und berufstätige Studierende durch Anhebung der Altersgrenze um drei Jahre. Darüber hinaus ist seit 2023 eine jährliche Valorisierung in Kraft, die bis heute zu einer Anhebung der Studienbeihilfensätze von 22,8 % führte. Zusätzlich wird seit 2024 auch die Zuverdienstgrenze jährlich valorisiert.
Anna Dibiasi: „Wenn Personen Studienförderung erhalten, können sie eigentlich ziemlich gut studieren – mit gleich hohem oder sogar höherem Aufwand, ohne dass sie erwerbstätig sein müssen. Das spricht für eine relativ hohe Treffsicherheit – wenn Leute in den Genuss kommen. Aber die Frage ist: Erreicht man tatsächlich alle Personen, die darauf angewiesen wären?“
Die Zahl der Bezieher:innen sinkt zusehends – auf zuletzt 41.945 Bewilligungen im Studienjahr 2024/25--, was einerseits an der steigenden Zahl ausländischer Studierender liegt, die nur eingeschränkten Anspruch auf Studienbeihilfe haben, und andererseits an dem, was Dibiasi „das strukturelle Problem nennt“, dass die Einkommensgrenze der Elterneinkommen für die Bemessungsgrundlage nicht valorisiert wird.
Erwerbstätigkeit
68 % der Studierenden sind erwerbstätig, die Erwerbstätigen arbeiten im Schnitt 20,2 Stunden pro Woche. Fast ein Viertel (24 %) sieht sich primär als Erwerbstätige, die nebenbei studieren. Im internationalen Vergleich sind das hohe Werte, allerdings ist die Studierendenpopulation mit einem Durchschnittsalter von Ø 27,2 Jahre (EUROSTUDENT Ø 25,9 Jahre) vergleichsweise alt. Ab elf Wochenstunden Erwerbstätigkeit sinkt der Studienaufwand messbar. 45 % aller Studierenden arbeiten mindestens so viel. 24 % würden gerne weniger arbeiten – können es aber nicht. 39 % berichten von Vereinbarkeitsproblemen. Ist die Lösung ein Teilzeitstudium, wie es etwa die ÖH fordert?
Anna Dibiasi: „Rund ein Viertel studiert faktisch berufsbegleitend. Nicht jede Erwerbstätigkeit ist per se schlecht für ein Studium, insbesondere dann, wenn das Ausmaß nicht besonders hoch ist oder die Tätigkeit studienadäquat ist. Aber wir haben auch Studierende, die aus finanzieller Notwendigkeit erwerbstätig sein müssen – das ist die Gruppe, die besonders problematisch ist. Die wollen eigentlich studieren, müssen aber gleichzeitig in einem stärkeren Ausmaß arbeiten, was wieder zu Vereinbarkeitsproblemen führt“.
Bianca Thaler: „Es gibt ja sowieso schon einen Teil, der sich das Studium de facto Teilzeit organisiert, auch wenn es nirgends so abgebildet wird. Ein formalisiertes Teilzeitstudium hätte den Vorteil, das transparent zu machen. Eine Herausforderung bei der Organisation von Lehrveranstaltungen ist, dass es keine Tageszeit gibt, die für alle passt – man bräuchte mehrere Angebote zu unterschiedlichen Zeiten.“
Anna Dibiasi: „Das Ziel sollte nicht sein, alle diese Gruppen in Teilzeitstudien zu drängen, sondern Rahmenbedingungen zu schaffen, dass ein Studium in der vorgesehenen Studiendauer möglich ist.“
Gesundheitliche Beeinträchtigungen
Fast jede:r vierte Studierende (24 %) berichtet von studienerschwerenden gesundheitlichen Beeinträchtigungen (2023: 21 %, 2019: 12 %); das ist ein Anstieg, der vor allem auf die gestiegene Zahl der angegebenen psychischen Erkrankungen zurückzuführen ist (15 %). Dem steht gegenüber, dass nur 9 % der Studierenden (2023: 8 %) das Beratungsangebot der Psychologischen Studierendenberatung (PSB) tatsächlich genutzt haben.
Anna Dibiasi: „Der Anstieg ist sicher ein Zusammenspiel von mehreren Faktoren: Ein gewisses Bewusstsein und Awareness sind vorhanden, die Diagnosemöglichkeiten steigen, und die tatsächlichen Erkrankungen steigen auch. Die Pandemie hatte eine starke Auswirkung – und das sind Auswirkungen, die noch über die Pandemie hinaus spürbar sind. Das sieht man auch in unterschiedlichen Jugendstudien.“
Bianca Thaler: „Wir sind da in einem Bereich, der nicht abgekapselt an den Hochschulen passiert. Die Hochschulen sollten die Situation jedenfalls nicht schlechter machen als sie ohnehin ist – aber die Lösung liegt zum Teil außerhalb. Dass es z.B. ein hinreichendes Angebot an Psychotherapie gibt betrifft die gesamte Bevölkerung.“
Anna Dibiasi: „Die PSB ist nicht nur für Beratung bei psychischen Problemen da, sondern auch für Studienwahlberatung und Hochschulzugang. Aber häufig sind die Unterstützungsangebote einfach unbekannt. Und dann ist die Hürde, solche Angebote überhaupt in Anspruch zu nehmen, noch mal ein Faktor. In Frankreich gab es zeitweise ein Modell, bei dem einige Stunden psychologische Beratung möglich waren.“
Der wichtige Stellenwert der Studieninformation
Die Informiertheit über das Studium wurde zuletzt im SOLA 2023-Zusatzbericht über die Studienverläufe ausführlich berichtet. Nur 31 % der Studienanfänger:innen gaben an, vor Studienbeginn (sehr) gut über „Studieren an sich" informiert gewesen zu sein – also etwa über Zeitaufwand, Kosten und Förderungen. Dabei zeigen sich deutliche Unterschiede nach Elternbildung: Unter Studierenden, deren Eltern maximal Pflichtschulabschluss haben, waren es nur 21 %, bei Akademiker:innenkindern 34 %.
Anna Dibiasi: Generell ist der Informationsstand erschreckend gering. Nur 31 % der Studienanfänger:innen haben sich über Studieren an sich sehr gut oder gut informiert gefühlt. Wir haben circa 700 maturaführende Schulen, die über tausend Studienrichtungen gegenüberstehen. Häufig sind es klare Berufsbilder, die früh feststehen – Medizin, Wirtschaft, Jus. Bei vielen anderen Studienrichtungen sind die Berufsbilder unklar. Eine Möglichkeit wäre, inhaltlich sehr ähnliche Bachelorstudien in der Studieneingangs- und Orientierungsphase oder dem ersten Studienjahr zusammen zu fassen – also ein sozialwissenschaftliches Eingangsstudium oder ein MINT-Eingangsjahr, bevor man sich schwerpunktmäßig entscheidet.
Zur Hochschulstrategie 2040
Wie offen und sozial gerecht ist das Hochschulsystem im Jahr 2040?
Bianca Thaler: Meine Vision bezieht sich auf das London Communiqué von 2007: „We share the societal aspiration that the student body entering, participating in and completing higher education at all levels should reflect the diversity of our populations”, übersetzt also in etwa: Wir teilen das gesellschaftliche Anliegen, dass Studierende, die ein Hochschulstudium aufnehmen, daran teilnehmen und es abschließen, die Vielfalt unserer Bevölkerung widerspiegeln sollten.Das ist keine neue Forderung. Sie ist fast 20 Jahre alt. Und noch immer nicht erfüllt. Ich gehe davon aus, dass wir es 2040 noch zitieren können.
Anna Dibiasi: Wenn man die Daten betrachtet, gibt es seit 10, 20, 30 Jahren kaum Entwicklungen und immer wieder die gleichen Debatten – nicht nur zur sozialen Dimension, sondern auch zum Beispiel: Wie steigern wir den Anteil von Frauen in MINT? Auch da kaum Entwicklungen, trotz sehr vieler Initiativen. Die 14 Jahre bis 2040 sind in dieser Debatte im Grunde nichts.
Bianca Thaler: Wenn wir sofort beginnen würden, das Schulsystem zu reformieren – bis alles in Kraft ist, sind die 14 Jahre schon vorbei. Darin nicht eingerechnet, dass wir das Bildungsministerium erst mal an Bord holen müssten. Das war ja auch eine Herausforderung, als beide Ministerien unter einem Dach waren.
Wozu brauchen wir 2040 noch Hochschulen?
Bianca Thaler: Die Hochschulen waren immer schon der Ort, an dem Wissen produziert wurde, wo man sich kritisch mit gesellschaftlichen und technologischen Herausforderungen auseinandergesetzt hat. Mein Wunsch: Wir müssen auch den Geistes- und Sozialwissenschaften die Bedeutung zukommen lassen, die sie bräuchten. Viele Herausforderungen lassen sich nicht allein mit Technologie lösen. Und es ist für uns als Gesellschaft von Vorteil, heterogene Studierende, Forschende und Lehrende zu haben – um Forschungslücken aufzudecken, die vielleicht nicht erkannt werden, wenn Menschen mit gleichem Hintergrund allein forschen.
Anna Dibiasi: Die Frage, ob wir Hochschulen 2040 noch brauchen, stellt sich für mich nicht. Hochqualifizierte Arbeitskräfte werden gebraucht, ein Studium bedeutet immer noch höhere Einkommen und geringere Arbeitslosigkeit – und darüber hinaus soziale Kohäsion und Demokratiestärkung. Die Frage ist: Welche Hochschulen braucht es? Wie viele? In welcher Form? Und welche Art von Wissen sollen sie vermitteln?