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„Die Studienbeihilfe habe ich vor meinem Engagement bei der ÖH nicht gekannt.“

Seit 1. Juli führt Viktoria Kudrna die Österreichische Hochschüler:innenschaft. Ein Gespräch darüber, warum Information über Studien und Beihilfen oft dort nicht ankommt, wo sie am dringendsten gebraucht wird – und was Hochschulen schon am ersten Tag anders machen könnten.

Viktoria Kudrina ÖH
Foto: Cajetan Perwein

Politisiert hat Viktoria Kudrna die Klimabewegung: Schon in der Schulzeit war die heute 24-Jährige bei „Fridays for Future“ aktiv, hat Streiks mitorganisiert und klimapolitische Forderungen formuliert. Über dieses Engagement kam sie nicht nur zur Österreichischen Hochschüler_innenschaft (ÖH), deren Vorsitz sie mit 1. Juli übernommen hat. Über diesen Weg kam Kudrna auch zu ihrem heutigen Studium, dem Masterstudium für Raumplanung, weil Klimafragen viel mit Städte- und Raumentwicklungsfragen zu tun haben.

Dabei wollte Kudrna ursprünglich Lehrerin werden. Das ist der Grund, warum sie bis heute ihr Geografiestudium an der Universität Wien weiterverfolgt – um sich den Quereinstieg in die Schule offenzuhalten. Denn sie glaubt, es hängt viel an den Lehrpersonen, ob der Sprung an die Hochschule gelingt oder nicht.

Wie bist du zu deiner Studienwahl gekommen?

Das war tatsächlich über mein Engagement bei „Fridays for Future“. Ich habe damals noch Lehramt studiert, Deutsch und Geografie und bei Fridays sehr, sehr viel über Bodenpolitik gelernt. So habe ich erfahren, dass Raumplanung existiert und habe das Studium gewechselt – was auf jeden Fall die richtige Entscheidung war. Den Rest hat die StEOP (die Studieneingangs- und Orientierungsphase) an der TU Wien erledigt. Dort gibt es zu Beginn eine Woche, in der sich Forschungsbereiche und Personen vorstellen, die in der Praxis arbeiten, und in der gezeigt wird, wie breit die Raumplanung eigentlich ist. Der zweite Teil besteht aus einem Projekt, das über das ganze Semester läuft – von der Analyse bis zur ersten Planung, bis zur genauen Abgabe. So habe ich erfahren, dass Raumplanung mehr ist als Bodenpolitik und Verkehrsplanung. Dass zum Beispiel Raumplanungsrecht existiert, der Bereich, mit dem ich mich heute beschäftige. An der StEOP hab ich gesehen, wie unterschiedlich Hochschulen funktionieren. Die Raumplanung an der TU Wien ist ein kleiner Fachbereich, in dem jede:r per Du ist. In der Geografie an der Uni Wien ist das nicht möglich, dafür kann man dort in einen viel breiteren Bereich hineinschnuppern. Das hat mein Interesse an Hochschulpolitik geweckt.

Stand für dich immer fest, dass du studieren wirst?

Ja, schon. Ich bin in Wien aufgewachsen, im 18. Bezirk, und war in einem Gymnasium, an dem so gut wie alle danach ein Studium begonnen haben. Dadurch war bei mir relativ schnell klar, dass ich studiere. Ich wollte außerdem schon lange Lehrerin werden, deshalb habe ich nach der Matura direkt mit dem Lehramtsstudium Deutsch und Geografie begonnen und bin dann eben zur Raumplanung gewechselt. Den Bachelor in Geografie mach ich an der Uni Wien noch immer. Denn ganz schließe ich nicht aus, dass ich irgendwann doch als Quereinsteigerin in der Schule zu arbeiten beginne. Ich finde nämlich, Lehrpersonen haben eine enorm wichtige Funktion, wenn es um Bildungsentscheidungen geht. Sie können einem eine Richtung vorgeben, insbesondere, wenn jemand nicht aus einem Akademiker:innenhaushalt kommt. Es gibt ja viel mehr Studien als die Klassiker Jus, Medizin, Lehramt. Gerade junge Menschen brauchen Information und Unterstützung, um herauszufinden, ob ein Hochschulstudium überhaupt zu ihnen passt und welches das sein kann. Und die muss es dort geben, wo Studieninteressierte und Studierende sind: in der Schule, bei Konzerten, auf Sportveranstaltungen. Ich wusste selbst nicht, welche Optionen es alle gibt. Dass es die Studienbeihilfe gibt, habe ich erst erfahren, als ich begonnen habe, mich an der ÖH zu engagieren.

Hat dir das niemand vor Ort an deiner Uni vorher gesagt, nicht einmal deine Studienvertretung?

Ich muss dazusagen, ich habe im Wintersemester 2020/21 zu studieren begonnen, ich war also der erste echte Corona-Jahrgang. Deshalb hat damals so gut wie alles online und nicht vor Ort stattgefunden. Ich glaube auch, dass die Hochschulen, die Fachschaften und Hochschulvertretungen heute wirklich viel machen, um Studienanfänger:innen zu informieren und gerade zu Studienbeginn gut zu unterstützen. Aber ich glaube trotzdem, dass die Kommunikation nicht immer funktioniert, vor allem nicht mit Personen, die in ihrem Umfeld keinen direkten Bezug zu Hochschulen haben. Die vielleicht nicht einmal in der Nähe einer Hochschule wohnen. Deshalb haben wir als ÖH ja letztes Semester unsere Kampagne zur Studienbeihilfe gemacht. Der Sinn war wirklich primär, Studierende darauf aufmerksam zu machen, dass es die Studienbeihilfe gibt. „Stell deinen Antrag“, lautete die Message, ohne direkt weitere politische Forderungen zu stellen. Wir haben auf Social Media und in unserem Newsletter dafür geworben und sehr viele Informationstände gemacht. Und es hat geklappt: Es gab einen Anstieg bei den Antragstellungen um 27 %. Deshalb sage ich: Da braucht es mehr Unterstützung und mehr Information, vielleicht gleich einen riesigen Info-Stand am ersten Tag, wenn das Semester neu beginnt. Oder gleich in der Begrüßungsmail: „Herzlich willkommen, Sie sind zum Studium zugelassen, falls Sie finanzielle Unterstützung brauchen, probieren Sie es bei der Studienbeihilfe.“

Aber ist das nicht Aufgabe der Hochschul- und Studienvertretungen vor Ort, also letztlich der ÖH?

Selbstverständlich. Aber eben auch die der Hochschulen. Sie sollten die Studienanfänger:innen gerade zu Studienstart einfach noch stärker an die Hand nehmen. Am besten gleich als Teil der StEOP. Es braucht kostenlose Unterstützung – und damit meine ich nicht nur finanziell, sondern etwa auch kostenlose Brückenkurse. Es geht letztlich um das Gefühl: Die Hochschulen wollen, dass all jene, die studieren wollen, das auch tun können. Das Ziel muss sein, sie bestmöglich zu unterstützen, damit sie sich auf die Wissenschaft und auf die Bildung konzentrieren können.

Wie soll das gehen, ein offener Hochschulzugang, wenn gleichzeitig eine gewisse Qualität, insbesondere im Zusammenhang mit den Betreuungsverhältnissen, garantiert werden soll?

Ich weiß, es ist eine unbeliebte Antwort, weil sie die einfache ist – aber es braucht die finanziellen Mittel. Schon mehr Tutor:innenstellen können da einen Unterschied machen. Und es braucht eine gewisse Flexibilität: Wie schaffen wir es, Räume an Hochschulen so zu gestalten, dass sie für unterschiedliche Zwecke gut genutzt werden können? Wie schaffen wir es, externe Lehrende dazuzuholen oder Studienassistenzen aufzustocken? In der Raumplanung reden wir von Maßnahmenbaukästen – ein bisschen so muss man das bei Hochschulen auch denken: Es gibt viele Bausteine, die unterstützend wirken, und je nachdem, was die Situation ist, steckt man sie zusammen. Ich rede immer ganz gerne über die Universität Helsinki. Ich habe eine Freundin besucht, die dort studiert, und wir waren in der Mensa essen: Da zahlt man 2 Euro für ein ausgewogenes Menü und darf sich so viel nehmen, wie man möchte. Warum funktioniert es? Weil es stark subventioniert wird.

Wie beurteilst du es, dass mehr als zwei Drittel der Studierenden erwerbstätig sind?

Für mich hängt es davon ab, warum ein:e Studierende:r arbeiten geht. Ich habe auch immer gearbeitet, schon neben der Schule. Mir hat es viel gegeben. Aber ich musste nicht arbeiten gehen, um mir mein Leben leisten zu können. Ich war arbeiten, weil das meinen Eltern wichtig war. Es macht einen Unterschied, ob ich ein Praktikum im Sommer mache, um berufliche Erfahrungen zu sammeln, oder ob ich für einen Essenslieferanten tätig bin und mir trotzdem meine Miete kaum bezahlen kann. Keine Person sollte aus finanziellen Gründen darauf angewiesen sein zu arbeiten, aus einer Existenzangst heraus. Deshalb setzen wir uns als ÖH viel damit auseinander, wie wir für Studierende Arbeit und Studium unter einen Hut bekommen. Und da sind wir wieder bei dem Thema Unterstützung.

Worauf führst du es zurück, dass die Zahl der Studierenden mit psychischen Belastungen so stark angestiegen ist?

Ich denke, das hat mit den vielen Krisen zu tun, die sich immer mehr zuspitzen. Wie soll das in zehn Jahren aussehen, wenn wir jetzt schon, glaube ich, sechs bis acht Tage über 40 Grad hatten? Wie sehen meine Jobchancen nach meinem Studium aus, wenn die KI sich weiterhin so rasant entwickelt? Neben diesen Zukunftsängsten kommen die aktuellen Probleme und Herausforderungen: wie soll ich mir die Miete, wie meine Lebensmittel bezahlen? Das sind die Fragen, mit denen sich Studierende an uns bei der ÖH Helpline wenden. Wir merken einen regelrechten Boom, weil es so viele Anfragen gibt. Wir verzeichnen jedes Monat neue Rekorde an Personen, die Hilfe brauchen. Da braucht es mehr Unterstützung, nicht nur finanziell, sondern zum Beispiel auch durch kostenlose Psychotherapie und mehr Therapieplätze.

Du bist Mitglied der AG, die sich mit Hochschule & Demokratie beschäftigt. Wie beurteilst du die Rolle der Hochschulen für unsere Demokratie?

Das ist eine Frage, die ich mir schon viele Jahre stelle: Was ist die Verantwortung von Hochschulen und Universitäten, und was können sie? Wir haben damals als Fridays for Future sehr viel mit den Scientists for Future zusammengearbeitet. Ich habe erlebt, wie wahnsinnig engagiert sich Wissenschafter:innen dafür eingesetzt haben, jeglichen Hass abbekommen und trotzdem weitergemacht haben.

Deshalb bin ich überzeugt davon, dass wir starke Hochschulen brauchen – vor allem Hochschulen, die Rückgrat haben, die allen offen stehen und alle Personen fördern und nicht nur die wenigen, die Überflieger:innen sind. Da muss eine Hochschule dastehen und sagen: Jede Person ist es wert, dass in sie und in ihre Bildung investiert wird.

Starke Hochschulen schützen ihre Wissenschafter:innen, vor allem die, die vorne stehen und von Klimaleugner:innen oder der FPÖ angegriffen werden. Da muss die Hochschule sagen: Nein, wir stehen hinter unseren Wissenschafter:innen und deren Forschungsergebnissen – und zwar geschlossen als gesamte Institution und nicht nur die drei Kolleg:innen, die diese eine Petition unterschrieben haben. Wir müssen uns gemeinsam gegen die Wissenschaftsskepsis stellen, die sich gerade immer weiter ausbreitet. Dafür muss die Wissenschaft aber auch lernen, niederschwelliger zu kommunizieren. Ich habe Freundinnen, die Soziologie im Master studieren und sagen, sie verstehen wahnsinnig viele der Texte nicht, die ihre Professor:innen publizieren.

Und parallel dazu geht es darum, Demokratie zu lernen. Das beginnt bei den Hochschulen selbst: Wie sind sie aufgebaut, wer darf mitsprechen, wer nicht, auf wessen Stimmen wird gehört? Und auch das darf nicht erst in der Hochschule passieren, sondern muss viel früher in den Schulen beginnen.

Das sagt Viktoria Kudrna auf die Frage: Wie offen und sozial gerecht, wie divers und inklusiv sind Hochschulen 2040?

„Unsere Hochschulen 2040 dürfen kein Ort mehr sein, an dem Diskriminierungen erfahren werden. Es braucht einen offenen Hochschulzugang für alle, und es braucht vor allem die finanzielle und soziale Absicherung, dass Personen ein Studium absolvieren können – ohne Angst."

Das sagt Viktoria Kudrna auf die Frage: Wozu brauchen wir 2040 (noch) Hochschulen?

„Wir brauchen Hochschulen 2040 als Orte der freien Wissenschaft und der freien Bildung, in denen das Lernen in den Fokus gerückt wird – und die vor allem auch klar nach außen kommunizieren, was die wissenschaftlichen Erkenntnisse sind, und hinter denen stehen."

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